Man muss schon zweimal hinschauen, um die Verwandtschaft zu erkennen. Aber an der Seite und am Griff der hinteren Türen ist die Ähnlichkeit des neuen Nissan Micra mit dem elektrischen Renault 5 schwer zu übersehen. Auch technisch ist der Nissan Micra weitgehend baugleich mit dem französischen Klassiker. Doch anders als der kultige Plattform-Bruder bietet er sich kaum als Retro-Fahrzeug an. Zu unterschiedlich waren die Designlinien über die Generationen des Japaners. Gebaut werden beide Elektroautos in Frankreich. Technisch kaum ein Unterschied: Beide Fahrzeuge gibt es mit 122 PS und der kleineren Batterie (40 kWh). Oder mit 150 PS und 52 kWh, was die Reichweite (WLTP) von 317 auf 416 Kilometer steigert. Bei den Fahrleistungen ist der Unterschied nicht wirklich groß: 150 km/h (abgeregelt) und acht beziehungsweise neun Sekunden von null auf 100. Allerdings gibt es bei Nissan die stärkere und ausdauernde Akku-Variante nicht in der einfachsten Ausstattungsstufe Engage für 27.990 Euro, sondern erst ab der zweiten Stufe Advance. Dann werden auf den Basispreis von 29.990 Euro 3.000 Euro Aufschlag fällig. Reichweite kostet eben. Die Top-Variante Evolve mit dem stärkeren Motor und der großen Batterie startet bei 34.900 Euro. Ebenfalls ab Advance ist der One-Pedal-Betrieb möglich (Abbremsen bis zum Stillstand bei gelöstem Gaspedal). In der Stadt mit vielen Stop-and-Go-Situationen eine praktische Sache. Bei Fahrten auf der Landstraße kann das ruppig werden. Der Elektroantrieb entfaltet dann die größtmögliche Bremskraft. In der Disziplin Sparsamkeit wird die hohe Rekuperationsrate ohnehin überschätzt. Vorausschauendes Fahren und langes Ausrollen lassen mit geringstmöglicher Rekuperation (auch Segeln genannt) sparen entschieden mehr. Keine Abstriche bei der Agilität. Auch die direkte Lenkung gefällt. Ein geteiltes Bild dagegen beim Komfort: Für zwei Insassen gibt’s auf den vorderen tiefen Sitzen mit gutem Seitenhalt nichts auszusetzen. Ab drei Personen wird’s irgendwo sehr eng. Dafür entschädigt der Kofferraum mit 326 (umgeklappt 1.106) Litern. 100 kW Schnellladeleistung sind zwar kaum rekordverdächtig, aber im Kleinwagensegment nicht so schlecht. Von 10 auf 80 Prozent dauert eine halbe Stunde. Wer Langstrecken meidet, wird in der Regel das langsame Laden daheim oder am Arbeitsplatz vorziehen. MARTIN PREM