Kongsfjord, rund 120 Kilometer nördlich von Spitzbergens Hauptort Longyearbyen: Auf dem Wasser dümpeln Eisberge, die ständig neue Formationen bilden. Als die MS Trollfjord in Ny-Ålesund einläuft, breitet sich vor den Passagieren eine Arktis aus, die in gleißendes Licht getaucht ist. Der Himmel ist wolkenlos und blau, die Luft so klar, dass selbst weit entfernte Gletscherkanten scharf hervortreten.
Langsam schiebt sich das Schiff der Reederei Hurtigruten zwischen Eisbrocken auf den unscheinbaren Pier zu. Die knapp 500 Passagiere stehen bereits an der Reling, als folgten sie einer unsichtbaren Anziehungskraft: Ny-Ålesund, die nördlichste dauerhaft bewohnte Siedlung der Welt. Was aus der Ferne wie eine zufällige Ansammlung farbiger Hütten wirkt, entpuppt sich aus der Nähe als ein Freiluftlabor, in dem die Folgen der globalen Erwärmung unmittelbarer spürbar sind als sonst wo auf dem Planeten.
Svalbard, der norwegische Name des Archipels mit der Hauptinsel Spitzbergen, bedeutet „kalte Küste“. Der Archipel umfasst mehr als 400 Inseln, ist etwa so groß wie Kroatien, zählt jedoch nur rund 3.000 Einwohner. Rund 60 Prozent der Fläche Spitzbergens sind von mächtigen Gletschern bedeckt.
Die Besucher setzen ihren Fuß in einen Ort, der wegen seiner Lage im hohen arktischen Gürtel als einer der entlegensten Forschungsstandorte der Welt gilt. Das Dorf besteht aus ein paar Schotterwegen und zwei Dutzend Holzhäusern. Im Zentrum steht ein Denkmal für die Polarexpedition von 1926. Ein Museum erinnert an Bergbau, Luftschifffahrt und Pioniergeist; daneben liegen ein Hotel für Wissenschaftler und ein Laden, in dem Norwegerpullis und Postkarten verkauft werden. Ny-Ålesund ist heute ein internationales Zentrum der Klimaforschung. Knapp ein Dutzend Staaten betreiben eigene wissenschaftliche Stationen – darunter China, Großbritannien, Indien, Italien, Japan, die Niederlande, Norwegen und Südkorea. Norwegen stellt die Infrastruktur und Logistik bereit – unter der Bedingung: Die Forschungsergebnisse müssen öffentlich zugänglich sein.
Im Sommer ist es 24 Stunden hell, im Winter wochenlang dunkel. Dann sinken die Temperaturen auf durchschnittlich minus 25 Grad Celsius. Die Mørketid, die dunkle Zeit, dauert von Ende Oktober bis Mitte Februar. Expeditionsleiter Leonard Haberl führt über eine Schotterpiste zwischen roten und gelben Holzhäusern. Hinter dem Dorf ragen die Berge steil und dunkel aus dem Fjord. „Diese Kulisse ist gewaltig – und dann steht hier dieses kleine Dorf, in dem Menschen aus aller Welt zusammenarbeiten. Das macht den Reiz aus.“
Ny-Ålesunds zweite Identität liegt in der Vergangenheit als Kohlesiedlung. Die Reste dieser Zeit liegen offen wie eine Wunde: rostige Leitungen, Schächte, Fundamente, Relikte eines Industriezweigs, der Norwegen im 20. Jahrhundert mehrfach erschütterte. Nach Unglücken – das letzte forderte 21 Todesopfer – wurde der Abbau 1963 eingestellt. Das Grubenunglück löste in Oslo eine politische Krise aus; die Kings-Bay-Affäre führte zum Sturz der Regierung.
Im Dorf- und Bergbaumuseum sind die Spuren dieser Epoche versammelt: Helme, Schwarzweißfotografien von Grubenmannschaften, Bohrgeräte, vergilbte Schichtpläne. Tafeln erzählen von den Arbeitsbedingungen in den engen Stollen und der mühsamen Versorgung des entlegenen Ortes. Wer durch die engen Räume geht, versteht, dass Ny-Ålesund nicht nur Forschungsstandort ist, sondern ein sozialgeschichtliches Archiv der Industrialisierung im hohen Norden.
„Viele Exponate stammen aus der Zeit, als in Ny-Ålesund noch Kohle gefördert wurde – darunter sogar denkmalgeschützte Wasserleitungen“, erklärt Haberl und zeigt auf einen Stahlmast, an den Roald Amundsen sein Luftschiff „Norge“ verankerte. „Von hier startete er 1926 mit Umberto Nobile Richtung Nordpol.“
Nur wenige Schritte weiter steht das ehemalige Telegrafenamt. Von hier aus wurden Meldungen der Grubengesellschaft verschickt, später Depeschen der Polarexpeditionen. Heute sind im Inneren alte Morsegeräte und Fernschreiber ausgestellt. Die Kabel sind längst tot. Doch der Raum erzählt noch von einer Zeit, in der Nachrichten aus Ny-Ålesund um die Welt gingen.
Aus der ehemaligen Bergbausiedlung ist längst ein Reiseziel geworden – nicht nur für Abenteurer.
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Kreuzfahrtschiffe wie die MS Trollfjord der Reederei Hurtigruten „spucken“ alle zwei Tage Touristen aus. Die spazieren durch das ehemalige Bergwerksdorf – stets begleitet von bewaffneten Guides. Denn auch hier streifen Eisbären durch die Umgebung.
Viele bestaunen die rostige Startanlage für das Luftschiff „Norge“, von der Roald Amundsen zum Nordpolflug abhob. Der Polarforscher wählte den Ort wegen der Telegrafenstation, die den Kontakt zur Außenwelt sicherte.
Nahe dem Rollfeld steht ein Radioteleskop, das Bewegungen der Kontinentalplatten misst. Mobiltelefone und Bluetooth sind verboten, so empfindlich sind die Antennen. Dafür verfügen die Forschenden über einen Glasfaseranschluss – den leistungsfähigsten Internetzugang der Arktis.
Wir treffen bei der Forscherstation „Blue House“, die vom deutschen Alfred-Wegener-Institut und dem französischen Polarinstitut betrieben wird, die Ozeanografin Auriane Herbaut. Auf dem Tisch liegen Messprotokolle, Funkgeräte und ein Stapel Radiosonden. „Wir untersuchen die Folgen der Erderwärmung“, erklärt sie. Luft und Wasser der Arktis erwärmen sich bis zu viermal schneller als im globalen Durchschnitt.
Jeden Tag um 12.45 Uhr startet ein Wetterballon. Seit 1992 wurde keine Messung ausgelassen. Die Sonde übermittelt Temperatur, Druck und Windprofile in Echtzeit.
Im Fjord verändert sich das Ökosystem rasant. „Der arktische Kabeljau wird zunehmend vom größeren atlantischen Kabeljau verdrängt. Das verändert das Nahrungsnetz. Vögel müssen weiter fliegen, Kolonien schrumpfen“, schildert Herbaut. Auch die Gletscher reagierten sensibel. Immer weiter ziehe sich die Schneegrenze zurück. In manchen Jahren reiche der blanke Fels bis tief in den Fjord hinein.
Wer hier arbeitet, sieht Veränderungen, lange bevor sie statistisch erfasst sind. Wer hier ankommt, verlässt den Ort mit der Ahnung, dass sich dieser Breitengrad längst nicht mehr am Rand der Welt befindet, sondern im Zentrum einer Frage, die weit über die Arktis hinausreicht. Michael Marek/
Anja Steinbuch
Anreise: Ny-Ålesund liegt auf der Insel Spitzbergen im norwegischen Archipel Svalbard. Reisende fliegen mit Stopp in Oslo und Tromsø nach Londyearbyen, dann geht es per Schiff nach Ny-Ålesund. Individualreisen sind stark eingeschränkt, da es sich um eine Forschungsstation handelt.
Reisezeit: Die Hauptreisezeit liegt zwischen Mai und September. Dann herrscht Mitternachtssonne, die Temperaturen liegen meist knapp über dem Gefrierpunkt und Expeditionsschiffe können die Region gut erreichen.
Kreuzfahrten: Von Mai bis September mit der Hurtigruten Spitzbergen-Linie von Bergen nach Spitzbergen (Ny-Ålesund und der Hauptort Longyearbyen werden dabei angefahren). Infos unter www.hurtigruten.com
Unterkunft/Essen: Klassische Unterkünfte gibt es in Ny-Ålesund nicht, Übernachtungen sind Forschenden vorbehalten. Kreuzfahrtpassagiere besuchen den Ort im Rahmen eines Tagesausflugs. Im rund 100 Kilometer entfernten Longyearbyen findet man dagegen Hotels und Restaurants mit Rentierküche. Tipp: das Huset (huset.com).