Cédric Johner ist im geordneten Chaos daheim. Zumindest scheint es Außenstehenden so. Zwei Räume in einem Geschäftshaus in Carouge nahe dem Genfersee, Tische und Werkbänke in verschiedener Höhe. Darauf: Fräsmaschinen, Drehbänke, jede Menge Präzisionswerkzeug, Lupen. Ganz hinten an einem Tisch: die Feilen in verschiedenen Graduierungen. Johner braucht sie alle, denn der Uhrmacher produziert seine Stücke in Handarbeit. „Jedes ist ein Unikat“, sagt er. Zwölf Stück pro Jahr produziert Johner in etwa. Weit und breit ist kein Computer zu sehen, kein Tablet, keine CNC-Maschine, die ihm beim Designen, Rechnen und Stanzen hilft.
Die großen
Namen
Johner ist einer der in der Szene bekanntesten unabhängigen Uhrmacher, seine Stücke gelten als Kunstwerke. Wer nach Genf und in die Umgebung kommt, kann seine Zeit rundum dem Thema Uhren widmen: Die nach Zürich zweitgrößte Stadt der Schweiz gilt als eines der weltweit wichtigsten Zentren der Uhrmacherkunst, der Horologie. Hier haben auch die renommiertesten Uhrenmarken und -manufakturen ihren Sitz. Rolex, Patek Philippe, Vacheron Constantin, um nur einige zu nennen. Zu den augenscheinlichsten Beispielen des reichen Uhrmachererbes zählen die Malbuisson-Uhr in der Passage Malbuisson mit ihren Bronzefiguren und Bronzeglocken oder die funktionierende Blumenuhr (Horloge Fleurie) im Jardin Anglais (Englischer Garten) aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Doch die Geschichte weist viel weiter zurück. Genf bezeichnet sich als Wiege der Uhrmacher. 1601 schon gab es die erste Uhrmacherzunft am Genfersee. 1536 brach die Stadt mit der katholischen Kirche, die Bürger hatten beschlossen, sich zu reformieren. Ein paar Monate nach diesem Beschluss kam der Reformator Johannes Calvin nach Genf, evangelisch, fleißig, strebsam. „Verschwendung und Muße waren seine größten Feinde“, sagt Margit Schwiegelhofer, Stadtführerin in Genf. Juweliere hatten einen schweren Stand, ihr Geschäft litt. Das der Uhren weniger, denn sie waren Gebrauchsgegenstand. Wobei man mit Uhren damals noch Stand- oder Taschenuhren meinte. „Die Armbanduhr kam erst nach dem Ersten Weltkrieg“, sagt Schwiegelhofer. Und die sogenannten Komplikationen, also Zusatzfunktionen wie Datumsanzeige, Mondphasenanzeige, ewiger Kalender, Chronograph – manchmal sogar alle in einer Uhr – noch später. Prestigeträchtig war der Job des Uhrmachers damals nicht. Frauen und Kinder arbeiteten im ärmlichen Stadtteil St. Gervais. Männer waren die Meister, auch wenn es damals noch an einer Ausbildung fehlte. Die Genfer also bauten Uhren, und sie hatten das Glück, dass es schon eine Brücke über den Fluss gab und die Alpenüberquerung hier als recht einfach galt. Somit war die Stadt früh zum Handelsplatz geworden.
„Heilige
Dreifaltigkeit“
Johner begibt sich also tagtäglich in seinem Atelier auf die Spuren der Uhrmacher-Ahnen – unter denen sich so mancher bekannte Name findet. Scherzhaft nennen sie in Genf die Firmen Audemars Piguet, Patek Philippe und Vacheron Constantin die „Heilige Dreifaltigkeit der Uhrmacherkunst“. Drei Firmen, die auch zu den ältesten in ihrem Handwerk gehören. Vacheron Constantin gilt als älteste ununterbrochen tätige Uhrenmanufaktur der Welt (1755), bei Blancpain werden seit 1735 mechanische Uhren gefertigt, allerdings mit Pausen. Sie alle sind heute mit Geschäften und dem Vertrieb in Genf vertreten.
Im Uhrenmuseum Espace Horloger in Le Sentier 30 Kilometer nördlich vom Genfersee ist man mittendrin in diesem Zentrum der Handwerkskunst. Entsprechend sind in der Ausstellung antike Uhren zu bestaunen, die zurück ins 16. Jahrhundert weisen. Auch Einblicke in den Beruf des Uhrmachers erhalten Besucher. Dicker trägt das Museum der Firma Patek Philippe im Stadtteil Plainpalais auf: In Art-déco-Vitrinen kann eine der außergewöhnlichsten Uhrensammlungen der Welt bewundert werden. Mehr als 2.500 Zeitmesser sind es.
Individuell gefertigte Uhren, das ist das Geschäft der Watchmakers United direkt am Seeufer. „Wir sind ein Kollektiv, über das sich die Uhrmacher vermarkten können“, sagt General Manager Vincent Vuillaume in dem Geschäft, in dem es Uhren für unter 1.000 Franken gibt, aber auch solche, die mehr als das Hundertfache kosten. Für die kleinen Hersteller ist es auch ein Ort zum Netzwerken, wie Vuillaume erklärt.
Außergewöhnliche Stücke spielen die tragende Rolle, wenn sich im Herbst die Allerbesten ihrer Zunft zum „Grand Prix d’Horlogerie de Genève“ in der Stadt einfinden – der Große der Preis der Uhrmacherei gilt als der „Uhren-Oskar“, der Verleihung kann man nur auf Einladung beiwohnen. Luxusuhren – sie stehen eben auch für eine Exklusivität, der man in Genf so nah wie kaum anderswo kommt. Verena Wolff/dpa