Die Meeresluft ist seidig, das Wasser glasklar. Die sechs Strandkilometer sind makellos. Die Statistik weist über 300 Sonnentage pro Jahr aus. Wer nach Benidorm reist, weiß, was er will: relaxen, baden, die Akkus aufladen. Jüngere stürzen sich ins Nachtleben. Senioren genießen die milden Winter. Auch Familien mit Kindern verbringen hier ihre Ferien.
Das gute alte Spanien ist hier allerdings Geschichte und liegt unter Beton begraben. Benidorm verwandelte sich ab den 1960er-Jahren vom Fischerdorf zum Ziel eines Massentourismus, der auch Low-Budget-Gäste anlockte. „Architektonisch setzte man auf das vertikale Modell“, erklärt Antonio Sánchez vom Fremdenverkehrsbüro. Hochhäuser schossen aus dem Boden. Der Beiname „Manhattan am Mittelmeer“ trifft den Punkt.
Umso stärker erstaunt, dass sich Benidorm neuerdings als „nachhaltige Tourismusdestination“ bezeichnet und von der Europäischen Kommission mit dem Titel „Europäischer Grüner Pionier für intelligenten Tourismus“ ausgezeichnet worden ist.
Eine Touristenfabrik mit über 80.000 Gästebetten und jährlich 15,7 Millionen Übernachtungen, die sich nun als grün und nachhaltig vermarkten will? Das klingt so abstrus, als hätte man vor Jahrhunderten die Piraten vor der Küste mit Sandburgen abschrecken wollen. Doch vor und hinter den Kulissen aus Wolkenkratzern hat sich in jüngster Vergangenheit viel getan.
Das Radwegenetz ist auf 134 Kilometer ausgebaut, der ortsfremde Verkehr aus der erweiterten Innenstadt verbannt worden. Die Zufahrt bleibt Anwohnern mit Sondererlaubnis vorbehalten. „Diese Bereiche heißen nun Zonen der niedrigen Emissionen“, weiß Jorge Ferrándiz Roche vom Hotel- und Tourismusverband. Und er schwärmt vom deutlich geringeren Lärm. Zudem hat er das Fahrrad als Transportmittel für sich entdeckt. „Auch Photovoltaik ist für uns nichts Neues“, sagt Ferrándiz. Kapitale Solarmodule auf Hoteldächern sind seit der Jahrtausendwende verbreitet.
Somit leistete Benidorm bei den natürlichen Ressourcen bereits Pionierarbeit, als der Begriff der Nachhaltigkeit noch lange nicht in Mode war. „Demnächst wird es bei zwei neuen Wohnhochhäusern Solarpaneele in der Vertikalen geben“, blickt Antonio Sánchez froh in die Zukunft.
Ein beherrschendes Thema in der touristischen Megastadt, deren Zahl von 75.000 Einwohnern sich im Sommer versechsfacht, ist das Wasser. Den Fortschritt beim Brauchwasser, das nicht für den menschlichen Konsum bestimmt ist, kennen nur Insider. „Wir nutzen mittlerweile 36 Prozent dieses aufbereiteten Wassers für die Bewässerung in der Landwirtschaft, in Gärten und für die Straßenreinigung“, versichert Nuria Pastor Roca vom Wasserverband. Dieser Anteil liege über dem Landesdurchschnitt in Spanien. Das nächste Ziel sei die 50-Prozent-Marke.
Ebenfalls unbemerkt von Besuchern spielt sich eine andere Initiative ab. Einen Kilometer vor den beiden Hauptstränden Ponent und Llevant sind jüngst zwei „intelligente Bojen“ ins Wasser gelassen worden, verrät Víctor Mateu Romero, der im Rathaus das Projekt „Intelligentes Ziel Benidorm“ leitet.
„Die Bojen sind mit Sensoren ausstaffiert, die kontinuierlich die Wasserqualität überprüfen. Im Falle einer Verschmutzung können wir sofort reagieren.“ Sichtbarer für alle ist die Barrierefreiheit an den Strandpromenaden, wo sich Rollstuhlfahrer problemlos fortbewegen können. Zudem ist dort die Beleuchtung auf umweltfreundliche LED-Lichter umgestellt worden.
So löblich manche Ansätze im Sinne der Nachhaltigkeit sind: Benidorm bleibt Benidorm. Ein spanischer Küstenkracher. Andreas Drouve/dpa