Hilfe für die Helfer

von Redaktion

Wie „Peers“ den Kollegen nach belastenden Einsätzen zur Seite stehen. Kreisbrandinspektor Franz Hochhäuser im Interview

Herr Hochhäuser, was macht ein Kreisbrandinspektor?

Er begleitet die Feuerwehren bei Übungen, Ausbildung, wirkt mit im Katastrophenschutz und unterstützt oder leitet Einsätze. Ich bin zudem für die Prüfungen der Grundausbildung federführend und Stellvertreter des Kreisbrandrats. Kurz gesagt, unterstütze ich die Feuerwehren und habe eine beratende Funktion für die Gemeinden und Feuerwehren. Mein Bereich umfasst das Gebiet Chiemsee, das sind 17 Gemeinden und 33 Feuerwehren.

Wie wird man Kreisbrandinspektor und wie läuft das im Alltag neben Ihrem „Hauptberuf“?

Kreisbrandinspektor zu sein ist ein Ehrenamt. Im Jahresdurchschnitt bringe ich dafür rund 22 Stunden in der Woche nach oder neben der regulären Arbeitszeit auf. Hauptberuflich arbeite ich bei einer Kommune. Dort bin ich Vorarbeiter im Grüntrupp im Bauhof. Ein Kreisbrandinspektor wird durch den Kreisbrandrat bestellt.

Sie sind darauf angewiesen, dass viele Menschen das Ehrenamt Feuerwehrmann/-frau übernehmen – wie ist hier die Situation im Chiemgau?

Das stimmt, die Feuerwehren leben von Ehrenamtlichen. In meinem Schutzbereich sind die Zahlen stabil, wir haben sogar leicht steigende Mitgliederzahlen. Insgesamt sind es 1993 Dienstleistende, davon 196 weibliche und dazu kommen noch 302 Jugendliche. Natürlich könnten immer noch weitere Dienstleistende zu den Feuerwehren kommen, aber wir sind über jedes Mitglied froh und dankbar.

Was sind die häufigsten Einsätze im Chiemgau und gibt es Einsätze, die speziell am Chiemsee auftreten?

Wir haben alle Arten von Einsätzen, zum Beispiel auch aufgrund von Unwettern wie Sturm, Hagel oder bei Hochwasser. Einen großen Teil nehmen die Einsätze mit technischen Hilfeleistungen in Anspruch. Organisiert sind die Einsätze am Chiemsee folgendermaßen: Der Chiemsee gehört zum Landkreis Traunstein, die Inseln Frauenchiemsee und Herrenchiemsee sowie die Krautinsel gehören zum Landkreis Rosenheim. Das Außergewöhnliche bei den Einsätzen auf den Inseln ist die Anfahrt, da wir hier auf die Fähren angewiesen sind.

Wie begegnen die Bürger Ihnen und Ihren Kameraden?

Der größte Teil der Mitmenschen ist dankbar, dass es die Freiwilligen Feuerwehren gibt. Natürlich gibt es auch Menschen die es als Belästigung ansehen, wenn sie Wartezeiten wegen Straßensperren hinnehmen müssen. Die Ungeduldigen geben oftmals Termindruck oder Arzttermine an.

Feuerwehrleute sind oft belastenden Situationen ausgesetzt. Sie sind auch Sprecher der sogenannten „Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte“ (PSNV-E). Was genau ist das?

Die Gruppe wurde in der jetzigen Form im März 2011 ins Leben gerufen. Der Hintergrund war der Wunsch, den Aktiven eine Möglichkeit zu geben, ihr Erlebtes zu verarbeiten. Das Eisenbahnunglück in Eschede war eines der Ereignisse, das hier zum Umdenken geführt hatte. Einfach gesagt, sind wir von der PSNV-E nach belastenden Einsätzen für unsere Kameradinnen und Kameraden da.

Warum ist es so wichtig, das Erlebte zu verarbeiten?

Das Erlebte kann sich in das Gedächtnis einprägen. Die Bilder, Gerüche oder Geräusche, die bei dem Ereignis außergewöhnlich waren, können als Flashback wiederkehren. Das kann die Kameraden im Einsatz, aber auch im Alltagsleben stark belasten.

Wie sieht dieses Angebot konkret aus?

Es gibt ganz unterschiedliche Situationen. Manchmal macht es Sinn, an die Einsatzstelle zu kommen und die Kameraden dort zu treffen. Oder wir machen eine Einsatz-Kurzbesprechung direkt am Feuerwehrhaus. Manchmal werden wir erst später nach einem außergewöhnlichen Einsatz informiert und wir machen nach einigen Tagen eine Nachbesprechung. Außerdem bieten wir den Feuerwehren auch Einzelgespräche nach Bedarf sowie Präventionsarbeit an. Es ist natürlich keine Pflicht, an den Besprechungen teilzunehmen, sondern einfach ein Angebot für die Dienstleistenden. Allerdings ist es sehr selten, dass Kameraden nicht an der Besprechung teilnehmen. Das Angebot wird von den Kameraden gerne in Anspruch genommen.

Nach welchen Einsätzen werden sie angefordert?

Außergewöhnliche Einsätze können schwere Verkehrsunfälle sein, mit Schwerstverletzten, mit Kindern oder verstorbenen Verkehrsteilnehmern. Einsätze mit Personenschäden bei der Eisenbahn können manchmal auch zu PSNV-E Einsätzen führen.

Wie läuft so eine Besprechung ab und was sind die Ziele?

Bei den Besprechungen sind nur die Kameraden, die auch im Einsatz waren, anwesend. Es gibt einen Gesprächsführer, der in der Regel eine psychosoziale Fachkraft ist, und noch andere sogenannte Peers, die als Beobachter in der Runde fungieren. Unter „Peers“, aus dem Englischen für „Gleiche“ oder „Kollegen“ versteht man speziell ausgebildete Einsatzkräfte, die auf Augenhöhe zur Seite stehen. Bei so einem Gespräch geht es in erster Linie um Vertrauen – alles, was in der Runde gesprochen wird, bleibt auch dort. Die Gespräche sind auf vier Säulen gelegt. Sie sollen Sicherheit geben, den Kollegen die Möglichkeit geben, zu erzählen. Reaktionen können erklärt und Perspektiven aufgezeigt werden.

Wie war das bei Ihnen: Warum wurden Sie Peer?

Ich hatte selbst einen Einsatz, der sehr belastend war. Zu dieser Zeit gab es das Angebot der PSNV-E noch nicht. Mit meiner heutigen Erfahrung wäre es wünschenswert gewesen, damals ein solches Angebot zu erhalten.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen in dieser Tätigkeit und wie können Sie die Kollegen unterstützen?

Die größte Herausforderung ist es, wenn Kinder oder eigene Kameraden betroffen sind. Unsere Aufgabe ist es, für die Kollegen da zu sein, mit ihnen zu sprechen, zuzuhören und miteinander zu schweigen.

Sie werden dabei mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert. Gibt es auch schöne Momente bei dieser Arbeit?

Die schönen Momente sind, wenn man einen Einsatz beendet hat und die Kollegen wieder etwas in die Normalität übergegangen sind. Wenn man auch wieder Lachen kann. Schön ist es außerdem, die Dankbarkeit der Kameraden zu erfahren. Sie äußert sich darin, dass das Angebot der PSNV-E von den Feuerwehren gerne und immer öfter in Anspruch genommen wird.

khe

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