Es fehlen Hunderttausende MINT-Fachkräfte

von Redaktion

MINT-Frühjahrsreport warnt vor wachsender Lücke in Ingenieurwesen und IT – Gegenmaßnahmen gefordert

Der Fachkräftemangel in den sogenannten MINT-Berufen verschärft sich weiter. Nach dem aktuellen MINT-Frühjahrsreport fehlen in Deutschland derzeit rund 133.900 Beschäftigte in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Besonders betroffen sind Ingenieurwesen und IT. Wirtschaftsverbände warnen inzwischen vor spürbaren Folgen für Innovation, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) spricht von einer alarmierenden Entwicklung. Der Engpass betreffe längst nicht mehr einzelne Branchen, sondern zunehmend den gesamten Wirtschaftsstandort. Fehlende Fachkräfte könnten dazu führen, dass Projekte verzögert, Investitionen gebremst und technologische Entwicklungen ins Ausland verlagert werden. Damit wächst der Druck auf Unternehmen, Politik und Bildungseinrichtungen gleichermaßen.

Als Ursachen nennen Fachleute mehrere Entwicklungen gleichzeitig: die alternde Bevölkerung, sinkende Zahlen bei Studienanfängern sowie anhaltende Defizite in Mathematik und Naturwissenschaften an Schulen. Hinzu kommt, dass viele junge Menschen technische Berufe gar nicht erst in Betracht ziehen oder sich im Studium für andere Fachrichtungen entscheiden.

Nachwuchs fehlt

Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang bei technischen Studiengängen. Zwischen 2016 und 2023 sank die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger in Ingenieurwissenschaften und Informatik von 143.400 auf 128.400. Bei deutschen Erstsemestern fiel die Zahl im selben Zeitraum sogar von 106.600 auf 80.100. Experten rechnen damit, dass sich diese Entwicklung weiter verschärfen könnte, da geburtenschwächere Jahrgänge nachrücken und die schulischen Leistungen in MINT-Fächern vielerorts nachlassen.

Für Unternehmen bedeutet das bereits heute einen intensiven Wettbewerb um Nachwuchskräfte. Gleichzeitig gehen in den kommenden Jahren viele erfahrene Beschäftigte in den Ruhestand. Vor allem mittelständische Betriebe außerhalb großer Städte berichten zunehmend von Schwierigkeiten, offene Stellen überhaupt noch zu besetzen. Projekte werden verschoben oder nur mit Verzögerung umgesetzt.

Potenziale nutzen

Um gegenzusteuern, fordern Verbände eine breit angelegte Fachkräftestrategie, die alle verfügbaren Potenziale stärker ausschöpft. Dazu gehört insbesondere die bessere Integration von Frauen in technische Berufe. Zwar steigt der Anteil von Ingenieurinnen langsam, doch bleiben Frauen in vielen MINTFeldern weiterhin deutlich unterrepräsentiert.

Nach Einschätzung des VDI liegt hier erhebliches wirtschaftliches Potenzial. Studien zufolge könnten bis 2035 Milliardenbeträge an zusätzlicher Wertschöpfung entstehen, wenn mehr Frauen für Ingenieurberufe gewonnen werden. Dafür seien jedoch strukturelle Veränderungen notwendig. Dazu zählen bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, flexiblere Arbeitsmodelle sowie gezielte Programme zur Förderung von Frauen in Führungspositionen.

Auch ältere Beschäftigte sowie internationale Fachkräfte sollen stärker eingebunden werden. Gerade zugewanderte Ingenieurinnen und Ingenieure könnten einen wichtigen Beitrag leisten, wenn Anerkennungsverfahren schneller und Integration einfacher gestaltet würden. Programme wie VDIXpand unterstützen bereits heute beim Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt, etwa durch Mentoring und berufliche Orientierung.

Gleichzeitig wird Weiterbildung immer wichtiger. Durch den technologischen Wandel verändern sich viele Berufsbilder rasant. Unternehmen setzen daher zunehmend auf Re-Skilling und kontinuierliche Qualifizierung, um Beschäftigte für neue Aufgaben in Digitalisierung, Automatisierung oder Künstlicher Intelligenz vorzubereiten.

Bildung stärken

Ein entscheidender Hebel liegt aus Sicht von Bildungsexperten im Schulsystem. Viele Schülerinnen und Schüler erreichen in Mathematik und Naturwissenschaften nicht mehr das Niveau, das für technische Ausbildungs- und Studiengänge erforderlich ist. Dadurch sinkt langfristig die Zahl potenzieller Nachwuchskräfte.

Gefordert wird deshalb ein stärker praxisnaher Unterricht, der technische und naturwissenschaftliche Inhalte mit realen Anwendungen verbindet. Gerade Projekte aus dem Alltag oder aus der Technik könnten helfen, Interesse früh zu wecken und Berührungsängste abzubauen. Der VDI betont, dass insbesondere mathematisch- naturwissenschaftliche Inhalte stärker mit Lebenswirklichkeit verknüpft werden sollten. Nur so könne es gelingen, mehr junge Menschen für technische Berufe zu begeistern und die Basis für zukünftige Innovationen zu sichern.

Der MINT-Frühjahrsreport macht insgesamt deutlich: Die Fachkräftelücke wird sich ohne zusätzliche und koordinierte Maßnahmen weiter vergrößern. Für Wirtschaft, Politik und Bildungseinrichtungen wird die Sicherung qualifizierter Fachkräfte damit zu einer zentralen Zukunftsaufgabe – mit direkten Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. red

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