Wo die Zeit in Früchten gemessen wird: Seit einem halben Jahrhundert wächst in Eichheim bei Ampfing eine ganz besondere Verbindung zur Erde und zu den Menschen vor Ort. Was als mutiges Wagnis zweier Landarbeiter begann, ist heute ein fester Bestandteil der regionalen Identität: Poller’s Früchtegarten, ein Familienbetrieb, der den Spagat zwischen Naturkräften und Generationenwechsel meistert.
Der Tag beginnt auf dem Früchtehof Poller meistens mit demselben Handgriff. Bevor die Maschinen starten oder die Kisten bewegt werden, geht der Blick von Ludwig Poller nach oben. „Das Erste ist der Blick aufs Wetter – das bestimmt maßgeblich den Arbeitsalltag und priorisiert die Aufgaben“, erklärt der Gärtnermeister der Fachrichtung Obstbau.
Wirtschaften mit
der Natur
In einem von Nachtfrösten und trockenen Frühjahrswochen geprägten Jahr wie diesem entscheidet dieser erste Blick darüber, wie der Tag der gesamten Familie aussieht. Im vergangenen Monat hieß das konkret: Erdbeerfelder in den kalten Stunden systematisch mit Vlies zudecken und tagsüber wieder abdecken, um die empfindlichen Blüten vor dem Erfrieren zu schützen.
Eingebunden ist das Familienleben: Kinder in den Kindergarten bringen, eine Runde mit dem Hund gehen. Klare Abläufe helfen: Verkaufszeiten, Liefertouren, Erntefenster. Zu Wochenbeginn wird sortiert und verpackt, aktuell vor allem Äpfel in Kisten oder 2,5-Kilo-Sackerl. Parallel läuft die Feldarbeit: schneiden, reparieren, pflegen. Im Frühjahr dominiert der Frostschutz wie etwa bei den Erdbeeren.
Es ist eine Arbeit, die sich nach dem Rhythmus der Natur richtet, nicht nach Stechuhren. Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Hofes in Eichheim, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert.
Der Traum vom
eigenen Feld
Die Wurzeln des Betriebs reichen in das Jahr 1976 zurück. Damals übernahmen Franz und Franziska Poller, beide erfahrene Landarbeiter, einen Hof auf Leibrente. Die Ausgangslage: acht Kühe, Felder, Wiesen und eine Vision. Nebenbei fuhr Franz noch Milch, um die Existenz abzusichern, doch die Leidenschaft gehörte von Anfang an den Beeren.
Die Entscheidung, den Hof komplett umzustrukturieren, fiel schließlich 1994, als die klassische Viehwirtschaft an ihre Grenzen stieß. Wo früher Milchvieh stand, wuchsen bald Hunderte von Apfel-, Kirschen-, Birnen- und Zwetschgenbäumen. Gepflanzt wurden 500 Apfelbäume, 300 Kirschbäume, 200 Birnbäume – und später 100 Zwetschgenbäume. Die Sorten wurden bewusst gewählt: schorfresistent, robust, möglichst wenig Spritzmittel.
Vom Kuhstall zum
Kühllager
Der einstige Kuhstall dient heute als modernes Kühllager. „Früher ging es darum, Tiere zu versorgen, heute geht es darum, Früchte zu beschützen. Aber die Verantwortung ist dieselbe“, beschreibt Ludwig Poller den Wandel.
Seit November 2012 leitet er den Betrieb in zweiter Generation. Den sprichwörtlichen „grünen Daumen“ hatte er schon als Kind. Dass er heute die Arbeit seiner Eltern fortführen kann, bedeutet ihm viel: „Es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich sehe, wie viel Arbeit und Mühen meine Eltern investiert haben und ich diese Geschichte weiterführen darf, beziehungsweise darauf aufbauen kann.“
Ein wichtiger Lehrsatz seines Vaters begleitet ihn dabei täglich: „Man soll nicht gegen die Natur arbeiten, sondern versuchen, mit ihr zu arbeiten.“
Kurze Wege statt langer
Transportketten
Diese Philosophie spiegelt sich auch in der Anbauweise wider. Bei den rund 1.100 Obstbäumen wird bewusst auf schorfresistente und robuste Sorten gesetzt.
Das Ziel ist klar: so wenig Pflanzenschutzmittel wie möglich einzusetzen, auch wenn der Markt makellose Ware verlangt. „Wir probieren viel mit neuen Sorten aus, die von Natur aus wenig anfällig für Pilze sind“, so Poller.
Gutes Obst reift am Baum,
nicht im Container
Für den Betriebsleiter definiert sich gutes Obst ohnehin anders als über die perfekte, genormte Optik aus dem Supermarktregal: „‚Gutes Obst ist eines, das am Feld oder am Baum richtig ausreifen darf und nicht in einem Container nachreift. So kann es seinen vollen Geschmack und Nährstoffe entwickeln.“
Genau hier setzt die Direktvermarktung im eigenen Hofladen, auf den Märkten und auf den Feldern an. Was nicht der optischen „Tafelware“ entspricht, wandert als B-Ware über die Ladentheke oder wird in der eigenen Produktion zu Saft gepresst. Nichts wird pauschal entsorgt.
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