Nirgendwo ist die Luft reiner, der Sternenhimmel klarer – und das WLAN mieser. In diesen Tagen machen sich wieder unzählige Bergbauern auf zu ihren Almen, um den Sommer über dort zu leben.
Knapp 8000 Almen werden in Österreich bewirtschaftet, auf diese werden jetzt rund 300.000 Rinder, 103.000 Schafe, 13.500 Ziegen und 11.000 Pferde gebracht. Im Gegensatz zum prächtigen Almabtrieb im September sind die Tiere beim Almauftrieb Mitte Juni nicht festlich geschmückt. Da der Auftrieb kein Schaufest, sondern Arbeitsalltag der Bauern ist. Und ihm gehe viel Arbeit voraus, verrät Josef Obweger von der Almwirtschaft Österreich. „Die Tiere wurden in den letzten Wochen fit gemacht, für das Leben dort droben. Das Kraftfutter des Winters wird auf frisches Wiesengras umgestellt, ihr eingeschlafener Bewegungsapparat ans Gelände gewöhnt. Auch Fell- und Hufpflege sowie ein medizinischer Check gehören dazu.“ Dann treffen sich Bergbauern, Hirten und Tiere im Dorf, um den Segen für eine gesunde und unfallfreie Almzeit zu erbitten.
Wie ist das Leben der Bergbauern auf der Alm?
Diese neugierige Frage hat sich auch Fotograf Klaus Maria Einwanger gestellt. „Ich durfte für die Verpackungen der Firma Bergader Bergbauern fotografieren. Bei diesem gewerblichen Shooting bin ich so außergewöhnlichen Menschen begegnet, die von so spannenden Lebensläufen und Umständen erzählt haben, dass ich auf die Idee kam, einen Bildband über Bergbauern zu machen. Dazu habe ich Familien gesucht, die ich ein paar Tage begleiten durfte.“
Wie begeistert wurden Sie aufgenommen?
„Am Anfang war die Skepsis von einigen der Landwirte und ihren Familien sehr groß. Doch durch Offenheit und Ehrlichkeit konnte ich Vertrauen aufbauen, das es möglich machte, Teil ihres Alltags zu werden.“
Erzählen Sie uns mehr.
„Wir trafen Geschwister, die sich die Aufgaben teilten, einen Senner, der früher eine eigene Farm in Montana hatte, ein Ehepaar, das seinen Hof an die Kinder übergeben hatten. Doch egal, woher sie kamen, ihre Arbeit ähnelte sich sehr: Los ging es frühmorgens mit Melken und der Milchverarbeitung. Dann sind sie jeden Tag die gesamte Almfläche abgegangen. Es mussten die Tiere gezählt und der Zaun kontrolliert werden. Beeindruckend war: Die Landwirte sind handwerkliche Alleskönner, da es zu aufwendig und teuer wäre, Hilfe aus dem Tal zu holen.“
Haben die Bergbauern auch mal geklagt?
„Im Gegenteil, die Menschen, denen ich begegnet bin, waren ausgeglichen und zufrieden. Ihr Leben ist so einzigartig anders und besteht aus so viel Arbeit und doch hatte ich immer den Eindruck, das es für die Landwirte einen sehr tiefen Sinn ergibt, was sie tun.“
Haben Sie auch bei schlechtem Wetter fotografiert?
„Klar, wir sind trotz Regenkleidung mehrfach bis auf die Haut nass geworden. Danach gab es aber wunderschöne Momente beim gemeinsamen Aufwärmen am Ofen in der Almhütte.“
Was haben Sie aus der Zeit für sich selbst mitgenommen?
„Ein ganz besonderer Moment war für mich die Aussage von Klaus Schreyer, dass der Hof nicht sein Besitz ist, sondern er nur der Verwalter für die kommenden Generationen sein darf. Auch der starke Zusammenhalt in den Familien hat mich tief berührt. Und dann waren für mich und mein Team die Stille und das Fehlen mobilen Empfangs ein Geschenk, das uns aus unserem hektischen Alltag herausgeholt hat.“
Sie schwärmen so. Könnten Sie sich vorstellen, mal auf der Alm zu leben?
„Tatsächlich könnte ich mir das für ein paar Monate sehr gut vorstellen. Es ist die Sehnsucht nach Ruhe, die Verbundenheit mit der Natur und den Elementen und die klare Reduktion auf ganz wesentliche Tätigkeiten, um den Betrieb auf der Alm am Laufen zu halten, die mich reizen.“
Ihre Lieblingsalm ist…
„Wir waren viel in den Schlierseer Bergen unterwegs. Eine der Almen liegt an der Rotwand. Oben am Gipfel kann man im Rotwandhaus über Nacht bleiben und ein bisschen in diese besondere Welt eintauchen. Ein wundervolles Erlebnis, dass ich jedem empfehle.“
Letzte Frage: Was macht ein richtig gutes Foto aus?
„Ein Foto ist immer dann gut, wenn es eine Geschichte erzählt und den Betrachter einlädt, diese zu lesen.“
Mehr zum Bergbauern-Bildband findet man hier: klaus-einwanger.com/
bergbauern-erleben
Interview:
Julitta Ammerschläger