Pflegebedürftigkeit trifft Familien oft von einem Tag auf den anderen. Beim OVB Expertenforum „Vorsorge und Pflege“ machte Clemens Kraus vom Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V. deutlich: Wer Vollmachten, Pflegeformen, Anlaufstellen und Finanzierung früh klärt, nimmt Druck aus einer belastenden Situation.
„Das Thema betrifft letztlich uns alle früher oder später, entweder selbst oder durch Angehörige“, sagte Kraus. Sein Appell: Pflege darf nicht erst dann zum Thema werden, wenn es pressiert.
Ein Sturz oder Krankenhausaufenthalt reichen, damit Menschen plötzlich Hilfe brauchen. Deshalb riet der Diplom-Pflegewirt, sich frühzeitig zu informieren, Beratung anzunehmen und Entscheidungen nicht allein zu treffen.
Was Pflegebedürftigkeit bedeutet
Pflegebedürftigkeit ist nicht einfach Krankheit, sondern vor allem der Verlust von Selbstständigkeit im Alltag. Entscheidend sei, wie mobil ein Mensch noch ist, ob er Hilfe beim Essen, Trinken oder Waschen braucht oder ob kognitive Einschränkungen vorliegen. Gemessen wird dies über Pflegegrade. In der Regel kommt dafür der Medizinische Dienst nach Hause. Je höher die Punktzahl, desto höher der Pflegegrad – und desto größer die möglichen Leistungen.
Geklärt werden müsse auch, wer im Ernstfall entscheiden darf. Eine Vorsorgevollmacht legt fest, welche Vertrauensperson rechtliche, finanzielle und persönliche Angelegenheiten übernimmt. Patientenverfügung, Betreuungsverfügung und Pflegewunschplan können helfen, Wünsche früh festzuhalten und Angehörige zu entlasten.
„Eile ist immer ein
schlechter Ratgeber“
Bei den Pflegeformen warnte Kraus vor einem zu einfachen Denken in den zwei Polen „zu Hause“ und „Heim“. Pflege zu Hause könne durch Angehörige, ein soziales Netzwerk oder ambulante Pflegedienste getragen werden. Dafür gebe es Pflegegeld oder Pflegesachleistungen. Ergänzend können Tagespflege, Verhinderungs- und Kurzzeitpflege oder Wohnraumanpassungen helfen.
Betreutes Wohnen sei keine stationäre Pflege, könne aber eine Vorstufe sein, wenn das eigene Zuhause nicht mehr passt. Kraus empfahl, sich Angebote frühzeitig anzuschauen. „Eile ist immer schlechter Ratgeber“, sagte er.
Eindringlich sprach Kraus auch über pflegende Angehörige. Viele Menschen wollten zu Hause bleiben, und die meisten würden dort auch gepflegt. Zugleich dürften Angehörige ihre Grenzen nicht übersehen. Der Umzug in ein Altenheim sei kein Aufgeben, sondern könne Fürsorge bedeuten.
„Pflege ist mit Kosten verbunden“, betonte Kraus. Die Pflegeversicherung sei lediglich eine „Teilkaskoversicherung“, ein Eigenanteil bleibe bestehen – durch frühzeitige Vorsorge und Planung lasse sich aber gut vorsorgen und finanzielle Belastungen werden kalkulierbarer. Wenn die Kosten die eigenen Möglichkeiten übersteigen, greife zudem in der Regel die staatliche Unterstützung.
Am Ende blieb sein wichtigster Appell: früh handeln, Hilfe holen, Angehörige einbeziehen. Pflege sei kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess.
Sein Schlusssatz war deshalb weniger Warnung als Ermutigung: „Sie sind nicht allein.“