Kaum angekommen in Australien, ist er da: der Bumerang. Die ersten auf Tourismus-Plakaten an der Koffer-Ausgabe. Dann Bumerang-förmig gestaltete Bänke an Bushaltestellen. Oder als Keil-Form ins Straßenpflaster eingearbeitet. Und jeder Kunst- und Kram-Markt hat mindestens einen Bumerang-Stand. James Cook, der britische Entdecker, brachte 1770 erste Bumerangs von seiner Australien-Reise mit nach Europa. Damals wie heute staunen die meisten Nicht-Australier, wie es gelingt, einen Bumerang so zu werfen, dass er im Bogen fliegt und zurückkehrt. In Perths Kings Park, mit einzigartigem 180-Grad-Panorama auf die Stadt, lässt ein Aboriginal Man gerade seine Hölzer kreiseln. Ich will das auch mal versuchen.
„Ziel am besten auf den Kinderwagen dahinten“, ruft Steven. Äh – wie bitte? Nee, lieber nicht, beschließe ich, während ich mit dem Bumerang aushole – er könnte den Kinderwagen treffen. Ein verwegener Gedanke, das muss ich Sekunden später erkennen: Das geworfene Krummholz flattert kurz in der Luft und bohrt sich wenige Schritte vor mir in die Wiese – mehrere hundert Meter vom Kinderwagen entfernt.
Steven Jacobs, der Guide von InCulture, zeigt mir, worauf es ankommt: „Bumerang wie einen Uhrzeiger auf 1 Uhr halten, nach hinten anwinkeln, beim Abwurf reichlich Spin aus dem Handgelenk mitgeben!“ Spricht’s und lässt sogar zwei Hölzer zugleich aus einer Hand lossausen. Wie Rotorblätter ohne Hubschrauber untendran kreiseln sie nebeneinander auf den Kinderwagen zu, kratzen dort mit sicherem Abstand die Kurve und segeln in einem weiten Bogen zu Steven zurück.
Die Flugshow ist Teil seines Rundgangs auf den Spuren der Aboriginal People durch den Kings Park von Perth, ein dschungeliges Flora-Archiv mit Pflanzen aus allen Regionen Australiens: Boronia etwa, von Aboriginals als Parfüm benutzt. Oder 20 Banksia-Sorten, in deren Blüten die Ureinwohner früher Feuer von einem Camp zum nächsten transportierten. Und Spinifex, dessen Samen – im Feuer geröstet – zu Super-Klebstoff wird.
Doch zurück zum Bumerang: „Mit den größeren, nicht zurückkehrenden Exemplaren haben sie Kängurus direkt erlegt“, erklärt Steven. „Kleinere Bumerangs warfen Jäger hingegen so, dass sie über Gänsen rotierten, das Geräusch von Greifvögeln machten und die Gänse damit aus ihrem Versteck geradewegs in die Fänge der Jäger trieben.“
Meine nächste Bumerang-Chance bekomme ich in Melbourne. Rob Hyatt, Aboriginal Man und Tourguide, hat eine Stunde Einzel-Unterricht versprochen. Er drückt mir einen Mini-Bumerang in die Hand, mit Schenkeln kürzer als ein Unterarm. „Kindermodell?“, frage ich. „Nein, Anfänger“, sagt Rob und lächelt wissend.
Beim Ausholen konzentriere ich mich auf mein schon erworbenes Wissen: 1 Uhr, Arm anwinkeln, Spin aus dem Handgelenk beim Abwurf. Der Mini-Bumerang startet steil wie ein Flugzeug, rotiert wieder gar nicht und fällt wie ein Stein vom Himmel. Rob zieht die Augenbrauen hoch, schaut mich ungläubig an. Ich hoffe auf Teil-Lob, höre aber: „So eine Flugbahn habe ich ja noch nie gesehen – wie hast du das gemacht?“ Mein Trost: Es war wenigstens originell.
Und zwar so sehr, dass Rob in der nächsten Stunde komplett alles an meinem Bewegungsablauf korrigiert: Weniger Anlauf und dadurch mehr Konzentration auf den Wurf. Bumerang nicht seitlich neben dem Körper loslassen, sondern erst, wenn der Wurfarm ganz nach vorne ausgestreckt ist.
Bei der anschließenden Video-Analyse mit Rob kann ich mich kaum auf seine Korrekturen konzentrieren. Mich plagt einzig die Frage: Wie kriege ich es ab sofort bitte hin, beim Werfen nicht ganz so bescheuert zu gucken…?
Das klappt irgendwann tatsächlich, aber eine Flugbahn mit auch nur der Andeutung eines rückkehrenden Bumerangs will nicht gelingen.
Daher trainiert Rob mit mir wie beim einbeinigen Bumerang-Yoga in Standpose, das Ding wirklich erst loszulassen, wenn die ausgestreckte Hand am Ende der Wurfbewegung auf Kopfhöhe angekommen ist. Nach mehr als einer Stunde sagt Rob: „So, letzter Wurf.“ Und tatsächlich, das eigenwillige Krummholz macht erstmals ansatzweise, was ich will, rotiert fast bis zu mir zurück.
„Hast du das im Kasten?“, frage ich die Fotografin stolz. „Nein“, antwortet sie. „Ich hatte ja gesagt, du sollst erst werfen, wenn ich dir das Startzeichen gebe.“ Stephan Brünjes