Georgien: Zwischen Orient und Okzident

von Redaktion

Dieses Land ist zwar nicht ganz neu auf der touristischen Landkarte, gilt aber noch als Geheimtipp. Eine Reise zu spannender Kultur, grandiosen Landschaften und leckerer Küche.

Traditionelles Gericht: Chinkali sind eine Art Ravioli.

„Das Beste kommt zuletzt“, besagt eine Volksweisheit. Wer sich am Abend des ersten Reisetags in einem Badehaus in Tiflis auf einer Massageliege wiederfindet und sich mit warmem Öl die verspannte Muskulatur sanft kneten lässt, kommt nicht umhin, den Wahrheitsgehalt dieser Weisheit zu bezweifeln. Glücksgefühle fluten den Körper, wohlige Schauer rieseln an der Wirbelsäule entlang. Herrlich! Geht es noch besser?

Tiflis: Mix
der Kulturen

Reiseleiterin Salome hatte den Besuch im Thermalbad empfohlen. Ein toller Tipp! Es ist der perfekte Abschluss eines herausfordernden Tages, an dem die Reisenden alle Sehenswürdigkeiten der georgischen Hauptstadt zu Fuß erkundet haben. Tiflis präsentiert sich als faszinierender Mix der Kulturen. Zwischen Jugendstilfassaden im Viertel Sololaki, orthodoxen Kirchen, Moscheen und sowjetischer Monumentalarchitektur erzählt die Stadt von ihrer bewegten Vergangenheit. „Seine Lage an der Seidenstraße machte Tiflis zu einem kulturellen Schmelztiegel zwischen Ost und West, aber auch zu einem Zankapfel. Unzählige Male wurde unsere schöne Stadt zerstört und wieder aufgebaut“, berichtet Salome, „von Persern, Arabern, Seldschuken, Türken, Choresmiern und Iranern. Jeder Besatzer hat Spuren hinterlassen.“ Ein Fabelwesen mit westlichem Kopf und östlichem Rumpf – so beschrieb der russische Literaturnobelpreisträger Boris Pasternak die georgische Hauptstadt treffend.

Den schönsten Blick auf die Stadt bietet der Hausberg Mtazminda: über das Häusermeer im Tal bis zur mächtigen Festung Narikala. Besonders orientalisch wirkt das Bäderviertel Abanotubani mit seinen Backsteinkuppeln und dem prächtigen Chreli-Abano-Bad, dessen türkisfarbene Fliesen an Moscheen in Persien und Usbekistan erinnern. Der Legende nach entdeckte König Wachtang I. hier vor rund 1.500 Jahren bei der Jagd zufällig heiße Quellen. Salome: „Er gründete Tblissi. Übersetzt: der Ort der warmen Quellen.“

Höhlenstadt und
Krönungs-Kathedrale

Am nächsten Morgen geht es entlang des Flusses Kura Richtung Westen. Ziel ist Uplisziche, Georgiens 3.000 Jahre alte Höhlenstadt – ein Labyrinth aus Stollen und in den Sandstein gemeißelten Hallen. „In der Blütezeit lebten 20.000 Menschen hier“, weiß Salome und zeigt, was von Zisternen und Wasserversorgungssystemen, von Weinkellern und Lagerräumen sowie einem Theater übrig geblieben ist.

Ebenfalls rund 3.000 Jahre alt ist Mzcheta, die ehemalige Hauptstadt Georgiens, Etappenstopp am dritten Tag. Die Metropole am Zusammenfluss von Zura und Aragwi ist bis heute das religiöse Zentrum des Landes. Und so folgen die Reisenden dem Strom der Pilger, die zur Swetizchoweli-Kathedrale im Stadtzentrum ziehen. „Jahrhundertelang war die Kathedrale die Krönungs- und Begräbniskirche der georgischen Monarchen und zählt zum Unesco-Welterbe“. Die Fassade is aufwendig verziert: Stierköpfe, Pfauen, Weinreben – jedes Bild ein Meisterwerk der Steinmetzkunst.

Auf der Handelsroute durch den Kaukasus

Auf der historischen Georgischen Heeresstraße geht es weiter Richtung Norden. Seit der Antike war sie der einzige Handelsweg durch den Großen Kaukasus. Mit jeder Kurve verändert sich die Landschaft von mediterran zu hochalpin. Dominierten bislang die warmen Farbtöne Gelb und Beige, so sind es jetzt die „kalten“ Farben Blau und Grün. Noch ein Fotostopp an der Klosterfestung Ananuri, dann geht es über den Kreuzpass (2.379 m Höhe) nach Stepantsminda.

Vor den Fenstern des Busses ziehen die gewaltigen Bergmassive des Großen Kaukasus vorbei. Stellenweise sehen sie wie ein Faltenwurf aus, über den ein Tuch aus moosgrünem Samt gebreitet wurde. Großes Landschaftskino bei der Ankunft in Stepantsminda: Das Dorf liegt am Ufer des Flusses Terek und ist von majestätischen Bergen umgeben, auf deren Gipfeln selbst im Sommer Schnee liegt.

Dann geht es über enge Serpentinen hinauf zur Kirche auf 2.017 m Höhe. Salome erzählt die griechische Sage von Prometheus, den Zeus an den Kasbek gekettet haben soll. Ob Mythos oder nicht – die Aussicht oben erscheint in der Tat überirdisch. Nebelschwaden ziehen um die Gipfel, Schneefelder leuchten im Sonnenlicht.

Rotwein zu
Teigtaschen

Zurück im Tal wartet ein kulinarischer Höhepunkt. Eine georgische Oma zeigt, wie man Chinkali zubereitet – die berühmten gefüllten Teigtaschen des Landes. Dazu wird kräftiger Rotwein serviert. Überhaupt spielt Wein in Georgien eine zentrale Rolle.

Die letzte Etappe der Reise führt deshalb nach Kachetien im Osten des Landes, der Wiege des Weinbaus. Seit rund 8.000 Jahren werden hier Reben kultiviert. Noch heute vergärt man Wein traditionell in riesigen Tonamphoren, den Qvevri, die im Boden vergraben werden. Diese uralte Methode wurde von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Auf dem Weingut Koncho & Co bei Kvareli erfahren wir mehr über die georgische Weinkultur. Der Rundgang endet mit einer Verkostung edler Tropfen, begleitet von regionalen Käsesorten.

Beim Abschiedsessen wird groß aufgetischt. Kellnerinnen bringen Salate und Vorspeisen, gegrilltes Fleisch, gebratene Forellen, orientalisch gewürzte Eintöpfe und fluffiges Weißbrot an den Tisch. Was will man mehr? „Nachtisch!“, findet Salome, bestellt Napoleoni, ein Dessert aus Blätterteig und Vanillecreme. Alle Naschkatzen am Tisch sind sich einig: Das Beste kommt zuletzt! Christiane Neubauer.

Artikel 3 von 11