Reise-Infos

Von bunten Pforten und Keramikhunden

von Redaktion

Fischland-Darß-Zingst ist im Sommer nicht nur ein beliebtes Strandziel, auch Hobby-Fotografen zieht es auf die Halbinseln an der Ostseeküste. Das Ziel ihrer Begierde: die vielen bunten Türen historischer Schifferhäuser. Welche Geschichte sich dahinter versteckt, lesen Sie hier.

Woran erkennt man einen weitgereisten und wohlhabenden Mann? An seiner Haustür. Was? Ja, richtig gelesen. Die Haustür war während eines Wirtschaftsbooms am Ende des 18. Jahrhunderts auf dem Darß das Statussymbol schlechthin. Stolze Seeleute ließen sich in Prerow, Born, Ahrenshoop, Wieck und Zingst reetgedeckte Häuser bauen und schmückten sie mit kunstvoll geschnitzten Türen.

Farbreste nach dem
Bootsanstrich

Stilisierte Säulen, aufgehende Sonnen, Amphoren, Anker, florale Ranken und Symbole, die vor Blitzen oder bösen Geistern schützen sollten, waren darauf zu sehen. Die Ideen für all diese Motive brachten die Schiffer von ihren weltweiten Handelsfahrten mit nach Hause. Lackiert wurden die Türen meist nur einfarbig in dunklem Grün, Grau oder Rotbraun, mit dem, was in den Eimern nach dem Bootsanstrich noch übrig war.

Wer heute vor diesen Prachtportalen steht, blickt auf eine faszinierende Mischung aus Seemannsgarn, christlichem Glauben und traditioneller Abwehrsymbolik. Die Schnitzereien waren nämlich weit mehr als reine Dekoration.

So steht die aufgehende Sonne für den Wunsch nach Licht, Hoffnung und vor allem für die ersehnte glückliche Heimkehr der Seefahrer aus den Stürmen der Weltmeere.

Gleich daneben ranken sich florale Motive, die eine ganz eigene Evolution durchgemacht haben: Aus dem klassischen Lebensbaum, dem uralten Symbol für Kraft, Fruchtbarkeit und Wohlstand, knospte im Laufe des 19. Jahrhunderts der typische Darßer Tulpenstrauß.

Damit alles schön symmetrisch blieb, flankierte man die Blumen gern mit stolzen Säulen im damals angesagten Klassizismus- und Bieder­meier-Stil. Und weil der hölzerne Stolz mitsamt dem Reetdach bloß nicht abbrennen sollte, durften stilisierte Blitze und Kreuze als himmlische Schutzzeichen gegen Unwetter, Krankheit und Unglücke aller Art nicht fehlen.

Neuerfindung des
Schifferhauses

Die Nachbarn wussten diesen hölzernen Gruß zu lesen: Seht her, wir haben es geschafft und bringen Wohlstand nach Hause.

Nicht zufällig fiel dieser Prunk am Eingang in die absolute Blütezeit der regionalen Segelschifffahrt zwischen 1790 und 1850. Damals erfand sich das typische Schifferhaus quasi neu. Bisher lag die Haustür eher verschämt und zweckmäßig auf der vom Wind geschützten Seite. Doch mit dem neuen Geld wanderte der Eingang stolz nach vorne – mitten auf die Straßenseite, genau ins Sichtfeld jedes Passanten.

Die lokalen Tischler und Zimmerleute liefen dabei zur Hochform auf. Ihre Techniken wurden über die Jahrzehnte immer raffinierter. Waren die Türen um 1800 noch recht simple, flache Bretterkon­struktionen mit aufgesetzten Leisten, bauten die Meister Mitte des 19. Jahrhunderts bereits extrem stabile Füllungstüren, die richtig Tiefe besaßen. Damit das Kunstwerk Wind und Wetter trotzte, pinselte man kräftig Farbe darüber.

Um 1850 kamen die Prachteingänge schon wieder aus der Mode und wären vollends in Vergessenheit geraten, hätte Prerows Bürgermeister Heinrich Bierbaum im Jahr 1931 nicht alte Baukultur aufleben lassen. Eine Darßer Tür sollte es für sein Amtshaus sein, eine bunte, dekoriert mit Anker, Sonne und Tulpenstrauß. Gebaut, geschnitzt und bemalt wurde sie von der Tischlerei Roloff, die noch heute in sechster Generation die Türen-Tradition am Leben hält. Hier wird das Wissen um die exakten Proportionen und die traditionelle Werkzeugführung von Generation zu Generation weitergegeben, damit die Schnitzarbeiten ihre typische Dreidimensionalität behalten.

Die Geschichten hinter
den Keramikhunden

Den offiziellen Ritterschlag für die Darßer Türen gab es übrigens im Jahr 2018: Die Deutsche UNESCO-Kommission nahm die traditionelle Herstellung der Darßer Türen in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Damit ist sichergestellt, dass billige Kopien aus der Fabrik den echten, handgefertigten Unikaten nicht den Rang ablaufen.

Wer aufmerksam von Tür zu Tür schlendert, entdeckt oft noch ein weiteres maritimes Kuriosum an den Häusern: Keramikhunde. Paarweise hocken sie am Fenster, zwei kitschige Kuppler. Englische Prostituierte haben sie als Souvenirs an ihre Seemannskundschaft verkauft, um auf diese Weise ihr Gewerbe zu tarnen, lautet eine Variante.

Die andere behauptet, dass die Ehefrauen, denen solch possierliche Hunde geschenkt wurden, es mit der Treue ebenfalls nicht so genau nahmen. Während ihre Männer monatelang auf See waren, ließen die Strohwitwen ihre Fensterbankhunde nach draußen schauen als Signal an ihre Liebhaber, die von einer sturmfreien Bude ausgehen konnten. Guckten die Hunde wieder brav in die Stube, war der Gatte heimgekehrt.

Der Haustürpfad für Hobby-Fotografen

Wie auch immer, ein Spaziergang entlang der wunderschönen Häuser von Fischland-Darß-Zingst lohnt. In Prerow gibt es sogar einen beschilderten Rundgang, den sechs Kilometer langen „Haustürpfad“. Gestartet wird an der Tür von Bürgermeister Bierbaum, die heute in das Haus der Kurverwaltung führt. Dort erhält man einen Ortsplan, in dem viele Darßer Haustüren eingezeichnet sind. Nicole Quint

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