Zwischen Fahrplan und Traumjob

von Redaktion

Der Arbeitsweg als tägliche Herausforderung für Azubis

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr, draußen ist es noch dunkel. Viel Zeit bleibt nicht, denn kurz vor sieben fährt der erste Bus. Wer ihn verpasst, kommt an diesem Tag nicht zur Arbeit. Für viele Auszubildende in der Region rund um Rosenheim, Chiemgau oder Berchtesgadener Land beginnt der Arbeitstag genau so. Denn die Frage, die vor jeder Ausbildung steht, ist oft eine ganz praktische: Wie komme ich überhaupt hin?

Ausbildungsstellen gibt es, nur nicht immer vor der Haustür

Im Gebiet der Agentur für Arbeit Rosenheim suchen jedes Jahr über 2.000 junge Menschen einen Ausbildungsplatz. Gleichzeitig bleiben viele Stellen unbesetzt. Das Problem liegt nicht immer im Angebot, sondern oft daran, dass Betrieb, Wohnort und Berufsschule nicht am gleichen Ort sind.

Gerade in einer Region mit vielen kleineren Gemeinden verteilt sich auch die Ausbildung. Wer den Wunschberuf lernen will, muss oft raus aus dem eigenen Ort. In Gesprächen mit Betrieben zeigt sich, wie stark die Erreichbarkeit den Ausbildungsmarkt beeinflusst. Unternehmen entlang gut angebundener Bahnstrecken – zwischen München und Rosenheim etwa – haben Vorteile bei der Besetzung ihrer Lehrstellen. Schwierig wird es für Betriebe, die kaum oder gar nicht mit dem ÖPNV erreichbar sind oder bei denen Verbindungen nicht zu den Arbeitszeiten passen. „Je besser das Verkehrsangebot in der Region ist, desto attraktiver ist der Standort“, sagt Jens Wucherpfennig, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Rosenheim. Er fordert, den öffentlichen Nahverkehr stärker an den tatsächlichen Bedarf auszurichten – also nicht nur an Schul-, sondern auch an Arbeitszeiten.

Große Unterschiede beim ÖPNV in der Region

Ein Blick auf die ÖPNV-Erreichbarkeit in Oberbayern zeigt: Der Landkreis Rosenheim, Mühldorf, Traunstein oder Altötting liegen unter dem bayerischen Durchschnitt, weniger Verbindungen, größere Abstände zwischen den Haltestellen und oft keine direkte Linie zum Betrieb.

Wie weit Auszubildende tatsächlich pendeln, zeigen Zahlen der Arbeitsagentur. Für die Stadt Rosenheim sind 540 Auszubildende als Auspendler erfasst (Stand: Juni 2025). Ein Teil bleibt in der Region, viele sind täglich über Landkreisgrenzen hinweg unterwegs. Allein 90 Azubis pendeln nach München, weitere fahren nach Miesbach oder Traunstein.

Was auf dem Papier wie eine überschaubare Strecke wirkt, wird im Alltag schnell zur Herausforderung. 30 Kilometer können bedeuten: zwei Busse, ein Umstieg, Wartezeiten – und im Zweifel über eine Stunde Fahrt pro Strecke.

Und selbst wenn Bus und Bahn eine Option sind, bleibt ein weiterer Punkt: die Kosten. Gerade Monats- und Jahreskarten sind zuletzt teurer geworden. Für Auszubildende mit begrenztem Budget wird Mobilität damit schnell zur zusätzlichen finanziellen Belastung.

Ohne Auto wird es eng

Die Realität in Südostbayern: Das Auto ist oft das wichtigste Verkehrsmittel. Bus und Bahn decken viele Strecken nur eingeschränkt ab, vor allem außerhalb der Hauptverbindungen. Für Auszubildende entsteht daraus ein Dilemma: Der Führerschein kostet Geld, das während der Lehre oft fehlt. Aber ohne wird der Weg zur Arbeit schnell zum organisatorischen Kraftakt. Manche lösen es über Fahrgemeinschaften, andere werden von Eltern gefahren, wieder andere nehmen lange Wege in Kauf.

Für viele Azubis kommt dazu noch der Weg zur Berufsschule. Standorte wie die Staatliche Berufsschule Rosenheim bündeln Schüler aus mehreren Landkreisen. Die meisten dort stammen zwar aus Stadt und Landkreis Rosenheim, einige aber auch aus den Landkreisen Traunstein, Berchtesgadener Land, Miesbach und Ebersberg.

Für viele ist der Schulweg häufig noch aufwendiger als der in den Betrieb. Die Erfahrungen der Auszubildenden sind unterschiedlich: Ein befragter Elektroniker-Azubi pendelt je nach Verbindung 40 Minuten bis eine Stunde zur Schule, während er den Weg zur Arbeit zu Fuß gehen kann. Ein Klassenkamerad benötigt täglich bis zu 2,5 Stunden für Hin- und Rückweg und kritisiert vor allem die fehlende Planbarkeit. „Nicht genau zu wissen, wann ich heimkomme, macht es schwer, den Feierabend zu planen“, sagt er.

Auch in einer 10. Klasse der Berufsschule Rosenheim zeigt sich der Aufwand. Ein Azubi verbringt über drei Stunden täglich im ÖPNV und nennt vor allem die Unzuverlässigkeit als Belastung. Bei Ausfällen bleibt oft nur Warten oder in Einzelfällen das Heimgehen. Andere berichten von knapp zwei Stunden Pendelzeit, geprägt von Verspätungen und Wartezeiten. Eine Auszubildende aus Litzldorf berichtet, direkte Verbindungen seien selten. Fällt der Bus aus, bleibe häufig nur ein Taxi – Die Kosten von 55 bis 60 Euro pro Strecke sind jedoch kaum tragbar. Der letzte Bus erst um 17.30 Uhr, was den Tagesablauf stark einschränkt.

Je nach Ausbildung kann sich die Situation ändern: Im Blockunterricht kommt es teilweise zu temporären Wohnlösungen. Insgesamt zeigt sich aber: Der Schulweg ist für viele Azubis ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Emilie Grad

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