Ein Vortrag an der Hospizakademie Annabrunn greift ein Thema auf, das viele Menschen berührt, aber oft erst dann, wenn das Leben ins Wanken gerät: die Frage nach der Würde in schweren Zeiten.
Doch was bedeutet Würde eigentlich, wenn Krankheit, Abschied oder Trauer den Alltag prägen? Der kanadische Arzt und Forscher Harvey Chochinov hat mit seinem Würde-Modell beschrieben, wovon dieses empfindliche Gefühl abhängt. Dabei wird deutlich: Würde ist kein fester Zustand, sondern entsteht im Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Wenn innerliche Anker
ins Wanken geraten
Eine wichtige Rolle spielt das eigene Selbstbild – also die Frage, wie ein Mensch sich selbst erlebt. Ebenso bedeutsam ist die persönliche Lebensgeschichte: Erinnerungen, Werte und das, was einen Menschen geprägt hat. Gerade in existenziellen Krisen geraten diese inneren Anker jedoch leicht ins Wanken. Der Verlust von Selbstständigkeit, körperliche Veränderungen oder das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, können das Erleben von Würde beeinträchtigen. Umso wichtiger wird der Blick von außen: Wie wird mir begegnet? Werde ich gesehen als Mensch – oder vor allem als Patient?
Kleine Gesten machen einen großen Unterschied
Hier zeigt das Würde-Modell eindrücklich, wie stark zwischenmenschliche Begegnungen das Empfinden von Würde beeinflussen. Kleine Gesten machen einen Unterschied: ernst genommen werden, Zeit bekommen, gehört werden. Würde entsteht dort, wo jemand nicht nur versorgt, sondern wirklich wahrgenommen wird.
An diesem Gedanken knüpft auch die würdezentrierte Therapie an. In begleiteten Gesprächen können Menschen darüber sprechen, was ihnen im Leben wichtig war, was sie geprägt hat und was sie weitergeben möchten. Daraus entsteht am Ende etwas sehr Konkretes: ein persönliches Dokument – eine Art Vermächtnis, das Erinnerungen, Werte und Botschaften festhält und an Angehörige weitergegeben werden kann.
Doch das eigentliche Ergebnis geht darüber hinaus. Viele Menschen erleben durch diese Gespräche eine spürbare innere Stärkung: Sie erinnern sich an ihr Leben als sinnvoll und wertvoll, fühlen sich wieder mehr als Person und weniger als „Patient“. Auch für Angehörige bleiben Worte, die tragen können, als Trost, als Verbindung, als etwas Bleibendes.
Die Palliativpsychologin PD Dr. phil. Elisabeth Jentschke greift diese Ansätze in ihrer Arbeit auf und macht sie für die Praxis zugänglich.
Kostenloser Vortrag
heute Abend
In ihrem Vortrag betont sie, wie entscheidend die innere Haltung der Begleitenden ist: präsent sein, zuhören, aushalten. Sie beschreibt, welche Kompetenzen hilfreich sind, um Menschen in schweren Lebensphasen achtsam und stärkend zur Seite zu stehen. Sie zeigt Wege auf, wie auch in herausfordernden Situationen Halt gegeben werden kann, ohne zu überfordern, aber mit echter Präsenz. Nicht Lösungen stehen im Vordergrund, sondern die Begegnung.
So wird Würde nicht zu etwas Abstraktem, sondern zu etwas, das im Alltag erfahrbar wird, in Gesprächen, in Blicken, im respektvollen Miteinander.