„Nachdenklich saß ich auf der Bank neben einer kleinen Kapelle. Vor mir erstreckte sich das Bergpanorama von den Ammergauer bis zu den Allgäuer Alpen. Etliche Male war ich mit dem Fahrrad in den Bergen gewesen, jetzt aber ging die Reise nach Norden. Den kannte ich kaum. Mit einer Mischung aus Skepsis und Abenteuerlust stieg ich aufs Fahrrad …
Im Juli 2025 wollte ich mir meinen Traum erfüllen und eine Radtour durch Deutschland machen. Dazu plante ich, zunächst auf die Zugspitze zu gehen und von Garmisch nach Sylt zu radeln, dem nördlichsten Punkt Deutschlands. Ich wählte die Route so, dass ich geschichtsträchtige Orte sehen würde. Am Schluss hatte ich zwölf Tagesetappen mit jeweils bis 130 km Länge und 150 bis 1.000 Höhenmetern vor mir. Den Aufstieg der Zugspitze musste ich wetterbedingt verschieben, die E-Bike-Tour aber konnte starten.
Historie am
Lechfeld
Nachdem ich mich bei der Kreuzeckbahn in Garmisch von meiner Frau verabschiedet hatte, radelte ich an der Wieskirche vorbei zu den Lech-Stauseen bei Lechbruck. Türkheim liegt am Rande des Lechfelds, das um 955 Schauplatz einer Schlacht war, bei der ein Heer aus Baiern, Schwaben, Franken und Sachsen unter König Otto I. die Ungarn besiegte. Durch den Sieg vereinte Otto die Landesfürsten unter sich, krönte sich zum ersten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Meteoriten formten das Nördlinger Ries
Über den Naturpark Augsburg ging es nach Nördlingen, recht abwechslungsreich durch schattige Waldstücke und an Flusstälern entlang bis an den Rand des Nördlinger Ries. Das Nördlinger Ries entstand durch einen Meteoriteneinschlag vor 15 Mio. Jahren. Das nur dort vorkommende Gestein Suevit zeugt von den hohen Temperaturen des Aufpralls. Im schönen Nördlingen mit der mittelalterlichen Stadtmauer machte ich Pause.
Umzug in
Dinkelsbühl
Am sumpfigen Ufer der Wörnitz, die sich träge durch die Landschaft schlängelt, halten Störche nach Leckerbissen Ausschau. Top für Vogelfans.
In Dinkelsbühl war gerade das Stadtfest „Kinderzeche“ im Gang. Es feiert eine Begebenheit, die sich im 30-jährigen Krieg zugetragen haben soll. Ein Mädchen namens Lore habe mit einer Gruppe Kinder die schwedischen Eroberer davon abgebracht, die Stadt zu zerstören, erzählt man. Das wird jedes Jahr in historischen Kostümen mit einem prächtigen Umzug vor der Kulisse der alten Fachwerkhäuser gefeiert. Mich beeindruckte das Spektakel so sehr, dass ich fast vergaß, weiter nach Rothenburg ob der Tauber zu radeln. Von dort waren es bis zu meinem Quartier in Tauberzell an der Tauber nur wenige Kilometer.
Auf der Gaubahntrasse
Um nach Würzburg zu kommen, bog ich auf die Trasse der ehemaligen Gaubahn zwischen dem Taubertal und Ochsenfurt. Es regnete, doch das störte nicht. So war der Main-Radweg menschenleer. Ab Würzburg navigierte ich nach Ramsthal im Seitental der Fränkischen Saale. Dort erwartete mich meine Schwester, die zugesagt hatte, mich bis Hamburg zu begleiten.
Einmal durch die Rhön
Unser heutiger Plan war es, die Rhön der Länge nach zu überqueren. Auf dem Weg dorthin kamen wir nach Bischofsheim, das unterhalb des Heiligen Berges der Franken, dem Kreuzberg, liegt. Von dort ging es steil zur Hohen Rhön hinauf. Diese Hochfläche entstand vor Millionen von Jahren durch vulkanische Aktivität. Danach ging es hinab ins Tal der Ulster. Mit dem letzten Balken der Akku-Ladung erreichten wir Geisa in Thüringen.
Geisa mit Grenzzaun
In Geisas Informationszentrum „Point Alpha“ besichtigten wir ein Stück des ehemaligen Grenzzaunes und setzten danach nachdenklich die Tour fort. In der Ferne die riesigen Abraumhalden des Kalibergbaus an der Werra. Auf dem gut beschilderten Fulda-Radweg ging es nach Rotenburg, danach den Flusslauf entlang bis Kassel und von dort hoch zum Hotel auf der Wilhelmshöhe. Puh! Was für eine Tour!
Der Rapunzel-Turm
Das Städtchen Trendelburg liegt malerisch auf einem Hügel, gekrönt von der gleichnamigen Burg. In seinem Turm soll der Legende nach Rapunzel gefangen gehalten worden sein, noch immer hängt dort ein Zopf aus dem Fenster. Bei uns ging es entlang der Weser bis Höxter, wir bogen dort ins Weserbergland ab. Vorbei am Köterberg erreichten wir Lügde im Emmertal. Wo auf der gegenüberliegenden Seite Bad Pyrmont grüßt. Die Heilquellen des Kurorts nutzten bereits die Römer und Germanen.
Das Steinhuder Meer
Auf dem Weser-Radweg erreichten wir Hameln. Klar, dass wir uns dort das Rattenfänger-Denkmal ansehen mussten. Danach ging es am Süntel vorbei – ja, auch Niedersachsen hat Berge – bis zum Steinhuder Meer. Der See ist ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit und im Schnitt nur 1,35 m tief. Teile des Ufers sind von Schilfgürteln umgeben, die unter Naturschutz stehen. Ab jetzt ging‘s nur noch flach dahin – bis zur Lüneburger Heide.
Wo ist die Heide?
Vorbei an schönen Gehöften mit grasenden Pferden auf den Koppeln fuhren wir bis Soltau. Dort beginnt der Naturpark Lüneburger Heide. Doch statt Heide blickten wir nur auf Wald. Wir lasen nach, dass die Heidelandschaft eine Kulturlandschaft ist, bei der der natürliche Baumbewuchs etwa durch die Beweidung mit Heidschnucken unterdrückt wird. Doch irgendwann blickten wir endlich auf große offene Flächen, auf denen das Heidekraut in zarter Blüte stand. Mein nächstes Highlight: Die Durchquerung des Alten Elbtunnels. Er wurde 1911 eröffnet und verbindet auf 425 Metern die St.-Pauli-Landungsbrücken mit der Insel Steinwerder.
Schafe am Deich
Die nächsten Etappen von Hamburg entlang der Elbe und der Nordsee-Küste waren die längsten der gesamten Tour. Auf den Deichen kreuzten wir weidende Schafe und große Sperrwerke, die an den Flussmündungen im Falle einer Sturmflut geschlossen werden. In Brunsbüttel am Nord-Ostsee-Kanal, einer der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt, verabschiedete ich meine Schwester, kämpfte allein weiter gegen den Wind.
Meer, Deich und Weite
Von Büsum radelte ich im Hinterland des Wattenmeers bis Tönning. Mein Ziel war Husum, wo ich mir die erste Krabbensemmel meines Lebens gönnte. Das Wattenmeer an der Nordsee ist das größte der Welt, zweimal am Tag wird es überflutet. Ich genoss den Blick auf Meer, Deich und Weite, doch ab Hauke-Haien-Koog machten sich die Oberschenkel bemerkbar. Fast erleichtert sah ich die Umrisse von Dagebüll. Endspurt nach Klanxbüll.
Ziel geschafft: Sylt!
Ich hatte es geschafft: Über 1.300 km lagen hinter mir, und als ich auf Sylt beim Lister Ellenbogen, dem nördlichsten Punkt Deutschlands, vom Rad stieg, war meine Reise zu Ende.
Bei der Rückfahrt mit dem Zug zog die Tour wie im Zeitraffer noch mal an mir vorbei. Ich war stolz, doch eines fehlte noch: die Zugspitze! An einem Spätsommer-Wochenende im August bestieg ich sie mit einem Freund. Deutschland von oben nach unten – mein Traum war in Erfüllung gegangen.“ Manfred Fischer