Adelige, Bankiers, Politiker, Schriftsteller und natürlich Kaiser Franz Joseph: Sie alle reisten im 19. Jahrhundert zur sogenannten Sommerfrische in die malerische Semmering-Region. Wenn es im 96 Kilometer entfernten Wien zu heiß wurde, stieg man in die Kutsche – oder ab 1854 in die Semmeringbahn – und entschwand in die Wiener Alpen. Die Semmeringbahn wurde 1998 als erste Eisenbahnstrecke in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen und verbindet Wien bis heute mit der Region.
Der Glanz früherer Zeiten
Im auf 950 Metern gelegenen Semmering fühlen auch wir uns wohl, als wir die Einfahrt zum berühmten Südbahnhotel betreten. Das 1882 erbaute Grand Hotel stellte den Betrieb 1976 ein, steht jedoch derzeit als Kulturstätte und Miet-Location zur Verfügung. Die Verwandlung zurück in ein Luxushotel ist geplant, doch noch kann man dieses faszinierende Gebäude nur exklusiv im Rahmen einer Führung so besichtigen, wie es ist: mit fast leeren Zimmern, deren Türen auf Flure mit historischen Bodenfliesen führen, verwaisten Balkonen und zwei Sälen, deren noble Ausstattung den Glanz vergangener Zeiten heraufbeschwört. Wir schleichen mit unserem Guide Heike Dobrovolny leise durch die Gänge – gerade proben Schauspieler des Wiener Burgtheaters „Krieg und Frieden“ für eine Aufführung im Hotel. Ein Hauch von „Shining“ macht sich breit, als wir die enge Treppe an einem längst kaputten Aufzug vorbei nach oben gehen und im verwaisten Rezeptionsbereich landen. „Die Architektur dieses Hauses ist typisch für die Sommerfrische-Zeit“, erzählt Dobrovolny.
Generell ist ein Aufenthalt in der Region eine kleine Zeitreise: Klassische Wellness-Hotels sucht man hier vergebens, stattdessen gibt es traditionelle Herbergen verschiedener Kategorien.
Spannende Geschichten
Rund um das Hotel befinden sich zahlreiche Häuser und Villen mit Blick auf die Region. Fast alle sind gut gepflegt und versprühen den Charme vergangener Zeiten. Andere werden gerade saniert, mancherorts scheint sich Aufbruchstimmung breit zu machen. Denn die Wiener haben die saftig-grüne Semmering-Region und ihren Retro-Charme wieder für sich entdeckt, und das zu Recht: Hier kann man parallel zur Bahnstrecke wandern und dabei bis zu 16 Viadukte bewundern. Oder man erklimmt den 1340 Meter hohen Hirschenkogel. Keinesfalls entgehen lassen sollte man sich den 20-Schilling-Blick: Er umfasst neben der Semmeringbahnstrecke auch die Rax-Schneeberg-Gruppe und zierte einst eine 20-Schilling-Banknote. Dort locken ebenfalls gut erschlossene Wanderwege in luftiger Höhe, zum Beispiel zum berühmten Ottohaus, in dem einst Sigmund Freud seinen berühmten „Fall Katharina“ behandelte.
Kultur-Kleinod mit
Star-Potenzial
Doch nicht nur für die Fitness ist hier einiges geboten, sondern auch für den Geist: Im Rahmen der Reihe „Kultur.Sommer.Semmering“ laden Intendant Florian Krumpöck und Geschäftsführerin Nina Sengstschmid Besucher der Region noch bis zum 6. September zu Lesungen, Musikabenden und Künstlergesprächen ein. Senta Berger und Sky DuMont sind mit an Bord, aber auch die österreichischen Schauspiel-Stars Karl Markovics und Aglaia Szyszkowitz. Veranstaltungsorte sind das Grand Hotel Panhans (das derzeit ebenfalls nicht als Herberge fungiert) und der zugehörige Kulturpavillon. Kulturgenuss und ein bezaubernder Panoramablick: Hier bekommt man beides.
Auch nicht schlecht ist die Aussicht auf dem Gelände von Schloss Wartholz: Die ehemalige Kaiservilla, die von 1870 bis 1872 erbaut wurde, gehört nun Christian und Michaela Blazek, beides Gartenprofis. Ihre Berufe sieht man dem extrem gepflegten, üppig bewachsenen Gelände ebenso an wie die Liebe des Paars zu Großbritannien: Sowohl die Orangerie als auch das liebevoll eingerichtete Café-Restaurant erinnern an englische Gefilde.
Auf Schloss Wartholz wird regelmäßig ein Literaturwettbewerb veranstaltet. Das Besondere daran: Neben einer Experten-Jury dürfen auch „zivile“ Buchfreunde über die literarischen Talente abstimmen. Sommerkino-Aufführungen, Lesungen und Konzerte gehören ebenfalls zum Programm. Kulinarik-Fans können mit einem fein bestückten Picknickkorb aus dem Schlosscafé am Ufer des Flusses Schwarza genüsslich in einem Strandkorb schlemmen und mitten in der Natur die Seele baumeln lassen. Die Idee dazu hatte der umtriebige Schlossherr Blazek, dem man auch den praktischen Rufbus verdankt, ein Anruf-Sammeltaxi mit über 140 Haltepunkten in der Semmering-Rax-Region. Auf die Frage, was er noch so alles plane, antwortet Blazek verträumt: „Eigentlich will ich den ganzen Tag nur den Rasen ums Schloss herum mähen.“ Wir stecken unsere Füße in die Schwarze, genießen die Abkühlung und geben uns ganz und gar der Sommerfrische hin. Marion Brandstetter