Für ein Abenteuer ist man nie zu alt

von Redaktion

Als ich mit 57 Jahren zum ersten Mal beim Canyoning ins eiskalte Wasser sprang

Wie gut, dass ich von Kopf bis Fuß in einem hautengen Neoprenanzug stecke. Sonst wäre mein Herz jetzt nicht nur in die Hose gerutscht, sondern gleich 16 Meter tief in die Alpenrosenklamm gesaust. Mit den Beinen waagerecht gegen eine Betonbrücke gestemmt, hänge ich an einem beunruhigend dünnen Seil über dem Abgrund. Gesichert von Kletterführer Michael Amprosi. 38 Jahre alt ist der Guide, den alle eigentlich nur Michl rufen. Er hebt die Kamera, ruft „lächeln“ und schon geht die rasante Fahrt abwärts, bis ich ins acht Grad kalte Wasser des Nederbachs platsche.

Für ein Abenteuer ist man doch nie zu alt, hatte ich Wochen vorher gedacht, sicher am Schreibtisch sitzend. 57 Jahre alt und wenn etwas mein Herz derzeit zum Rasen bringt, dann das tagtägliche Pendeln mit der Bahn. Bis zu dem Tag, als im E-Mail-Postfach eine Einladung zur Pressereise nach Tirol aufploppte, inklusive Canyoning. Eine Wanderung durch ein Flussbett mit Abseilen von hohen Felsen, Sprüngen in natürliche Pools und dem rasanten Rutschen durch vom Wasser ausgewaschene Felsrinnen. Die Aussicht, statt auf den Computerbildschirm in wunderschöne Natur zu blicken, nicht nur zwei Stockwerke hinunter zur Kantine zu laufen, sondern 2,5 Kilometer über Felsen und durchs Wasser zu kraxeln, um hungrig über dem Lagerfeuer gebrutzelte Kasspatzn zu genießen – wer hätte da abgelehnt?

Und dann geht es los. Das erste große Abseilen sei ein guter Test, meint Michl: „Wer hier blockiert, der kann es sich noch anders überlegen.“ In der Schlucht selbst aber gebe es kein Zurück. Hört sich aber wilder an, als es ist. Die geplante Canyoningroute sei auf jeden Fall für Anfänger geeignet. Alle Sprünge und Felsenrutschen können umlaufen werden oder sind mit Haken fürs Abseilen gesichert. Nur bei einer Stelle muss 13 Meter abgeseilt werden. Michls Credo: „Jeder kann das schaffen, wir unterstützen und ermutigen, aber natürlich wird niemand gezwungen oder gedrängt.“

Die Gruppe steht nun unter der Brücke komplett im Wasser, alle mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Mutprobe geschafft, das Adrenalin wirkt nach. Wir nicken uns zu: Auf geht‘s! Die Neoprenschuhe geben Halt auf den Bachfelsen. Wildblumen säumen die Klamm. Schwierigere Kletterstellen sind mit Stahlseilen gesichert, in die der Klettergurt eingehängt wird.

Im Nederbach schwimmen Forellen, die in Deckung gehen. Die Wasseramsel dagegen lässt sich von den rotschwarzen Gestalten nicht davon abhalten, Insekten zu fangen, um den Nachwuchs zu füttern.

Gerade denke ich, dass so eine Wasserwanderung wirklich ein guter Ausgleich zum Redaktionsalltag sein kann, da stoppt der zweite Guide Max, dreht sich zu mir um und sagt: „Stell dich ganz vorne auf die Kante und mach einen großen Schritt nach rechts.“ Entsetzt merke ich, dass ich die Erste in der Reihe und jetzt dran bin, ohne Chance, erst zu schauen, was die anderen so machen.

Kurzer Blick in die Umgebung, die Gumpe schimmert vier Meter in der Tiefe wenig einladend dunkelgrün, die Felsen drumherum sind schroff und hoch. Tief durchatmen, Augen zu! Los! Kleiner Tipp: Mund zu wäre auch wichtig gewesen! Prustend tauche ich auf, schwimme zum nächsten Felsen. Reines Bergwasser hatte Michl gesagt, das könne man ohne Probleme trinken. Die Kostprobe ist abgehakt. Viele wiederholen den Sprung, mir reicht das eine Mal.

Beim Rutschen in den Felsenrinnen jedoch werde auch ich zur Wiederholungstäterin und beim letzten Abseilen stemme ich meine Füße so souverän gegen den Felsen und laufe die Wand hinunter, als hätte ich das schon hundertmal gemacht. „Sehr professionell“, nickt einer aus der Gruppe.

Während ich diesen Text tippe, erinnert ein Muskelkater in den Oberschenkeln noch an die ungewohnte Gangart. Doch lächelnd denke ich: Für ein Abenteuer ist man tatsächlich nie zu alt! Susanne Stockmann

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