Wenn Omas ihre Heimat zeigen

von Redaktion

Der neueste Reisetrend hat Falten, graue Haare und ein Lieblingsrezept: Immer mehr Menschen buchen im Urlaub einen Nachmittag bei einer fremden Großmutter. Denn nirgendwo kann man besser Land & Leute kennenlernen als dort.

Früher brachte man von einer Reise Fotos mit – von einem Traumstrand oder Luxushotel. Heute packen sich viele – vor allem junge Reisende – lieber ein Rezept ein, das einem eine 80-Jährige beigebracht hat, und die Telefonnummer einer Frau, die man am liebsten adoptiert hätte. „Grandmacore“ nennt sich das Ganze, war bis vor Kurzem ein nostalgischer Social-Media-Moment und mittlerweile ein echter Reisetrend. Dahinter steckt eine simple Sehnsucht: nach Entschleunigung, nach Handgemachtem, nach echten Menschen. Der Reise-Erlebnis-Anbieter GetYourGuide hat die Zahlen dazu. Mit Marktforscher Toluna befragte er im Februar 2026 gut 8000 Menschen in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA. Das Ergebnis: 76 Prozent würden gerne mal ein Erlebnis buchen, bei dem eine Großmutter im Mittelpunkt steht. Also reingeklickt bei getyourguide.com.

„Macarons sind gar nicht so kompliziert“

Nehmen wir Catherine, 63, aus Paris. Im „L’Atelier des Mamies“ unweit der Basilika Sacré-Cœur bringt sie ihren Gästen die schwierige Kunst der Macarons bei. „Macarons wirken kompliziert, das schüchtert viele ein. Doch jeder kann lernen, wie man sie herstellt, wir bieten sogar Kurse für Kinder ab drei Jahren an“, ermutigt Catherine.

Motivieren kann sie. Früher leitete sie im Personalwesen ein Team von zwanzig Leuten. Heute ist sie im Ruhestand, liest lieber. So hat sie das Buch „Behind her hands – Nonna Nerina’s memories through recipes“ aufgestöbert. „Ihre Geschichte hat mich sehr berührt.“

Also beschloss sie, eine der Mamies im L’Atelier zu werden. Was Catherine dabei Spaß macht? „Am meisten gefällt mir die Verbindung aus Geschichte, Essen und Kultur. Ich liebe es, Wissen zu vermitteln – sowohl für den Kopf als auch für den Bauch – und ich freue mich über die Menschen, die ich treffe. Vor Kurzem hatte eine Gruppe junger Menschen mit geistiger Behinderung einen Macarons-Kurs bei mir gebucht. Eine der schönsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe – so lebendig, so laut, so voller Leben.“

Übrigens: Catherines Kurse sind auf Französisch, doch wer das nicht kann, dem steht die Französin in mehreren Sprachen als Simultanübersetzerin zur Seite: „Ich habe Germanistik und Englisch studiert, war viele Jahre als TV-Übersetzerin tätig und spreche Deutsch wie ein Muttersprachler. Außerdem habe ich viel Zeit in den USA und in England verbracht, vor zwei Jahren begonnen, Italienisch zu lernen.“ Kein Wunder, dass Catherine auch selbst gerne reist. „Ich reise am liebsten allein oder in sehr kleiner Gesellschaft. Ich brauche Freiheit, um Orte abseits der touristischen Routen zu entdecken – und mich auch mal zu verlieren, weil genau dann die spannendsten Entdeckungen entstehen. Für mich bedeutet Reisen, offen für Unbekanntes zu sein, die eigene Komfortzone zu verlassen.“ Und dann hat Catherine noch Tipps für die nächste Paris-Reise:

• eine Bootsfahrt auf der Seine – bei Tag oder bei Nacht

• eine Auktion im Hôtel Drouot (Richelieu-Drouot)

• die Galerie Dior mit Tee im Dachcafé und den Madeleines von Gilles Marchal

• das Restaurant „Dans le noir?“ – ein kulinarisches Erlebnis in völliger Dunkelheit

Nudeln und das Glück
der Gemeinschaft

Weiter geht‘s nach Italien. Ein paar Bahnstationen außerhalb Roms wohnt Rosella, 68, deren Tür immer offen steht. Es gibt Wein, Bruschetta mit Olivenöl von ihren eigenen Bäumen und frische Fettuccine – handgemacht, versteht sich. „Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Rom. Als ich geheiratet habe, bin ich in die Hauptstadt gezogen. Anfangs habe ich mein Heimatdorf und das Gemeinschaftsgefühl dort wahnsinnig vermisst. Heute kann ich durch meine Kochkurse genau das weitergeben, was ich in meiner Kindheit so geliebt habe: traditionelle Rezepte, Gastfreundschaft und die Freude daran, Menschen zusammenzubringen.“

Warum buchen Gäste aus aller Welt einen Nachmittag bei „Pasta with Grandma“? „Viele kommen, weil sie etwas mit den eigenen Händen erschaffen möchten. Aber ich glaube auch, weil viele gerne mal Zeit mit einer italienischen Nonna verbringen möchten. Sie möchten Geschichten hören, gemeinsam lachen und ein Stück italienischen Alltag erleben.“ Rosella liebt die Begegnung mit Menschen aus aller Welt. Was sie am meisten rührt, ist die Verwandlung ihrer Gäste. „Am Anfang sind viele oft schüchtern. Aber wenn sie gehen, sind sie offen und glücklich. Oft werde ich dann herzlich umarmt, manche wollen gar nicht gehen.“ Und viele laden sie in ihre Heimatländer ein. „Würde ich all die Einladungen annehmen, wäre ich wahrscheinlich gar nicht mehr in Italien.“

Das aber geht natürlich nicht, denn Rosella hat einen Auftrag: „Ich möchte nicht nur zeigen, wie man Pasta macht. Mir ist es wichtig, Menschen daran zu erinnern, wie wertvoll gemeinsame Zeit ist. Kochen verbindet, schafft Erinnerungen und bringt Freunde zusammen. Genau dafür sollten wir diese Traditionen bewahren.“

Der Reis, der jung hält

In Tokio formt Kayoko Oshima, 80, Reis zu Dreiecken. Musubi heißt das, gefüllte Reisecken, die in Japan zu jedem Alltag gehören. Über fünfzig Jahre hat die Japanerin in der Gastronomie gearbeitet, dann gründete sie 2025 ihr eigenes kleines Konzept. „Seit ich dieses Projekt gestartet habe, fühlt sich mein Leben leichter an“, strahlt sie. „Statt allein zu Hause zu sein, verbringe ich Zeit mit jungen Menschen. Was ich an ihnen toll finde: Sie übernachten in Mini-Nischen im günstigen Kapselhotel, um das Reisebudget klein zu halten. Geht es aber um die Besuche von Sumo-Kämpfen, eines Kabuki-Theaters oder meines Reisecken-Kurses, geben sie gerne Geld aus. Junge Menschen ziehen heutzutage kulturelle Erlebnisse Luxushotels vor.“

Außer Atem in Erfurt

Zurück in Deutschland schauen wir noch bei Gudrun Ahr vorbei. Sie ist 90 und führt Gäste durch Erfurt. Früher unterrichtete sie Biologie und Chemie, heute erklärt sie die Krämerbrücke und das Augustinerkloster, in dem einst Martin Luther lebte. Was hat Erfurt noch zu bieten? „Das Ensemble aus Dom St. Marien und St.-Severi-Kirche gilt als Wahrzeichen der Stadt. Der Fischmarkt ist ein Muss, mit seinen Baustilen verschiedener Epochen. Außerdem empfehle ich die Erfurter Museen. Besonders am Herzen liegt mir das Naturkundemuseum mit seinem Nachbau der Arche Noah und den zahlreichen Tierpräparaten aus aller Welt.“ Eine Gruppe indischer Pastorinnen sei vor Kurzem total überrascht gewesen, wie vielfältig Erfurt ist – und wie schnell Gudrun laufen kann. „Viele kommen bei mir ganz außer Atem.“

Julitta Ammerschläger

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