Kurs auf ein Streichholz. So wirkt der Leuchtturm von Cordouan aus der Ferne. Einsam, fast unwirklich steigt er sieben Kilometer vom Festland entfernt über einer winzigen Felseninsel aus der offenen See. Unser Ausflugsboot passiert die breite Mündung der Gironde, schaukelt hinaus.
Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Heute ist der Atlantik ein Meer der Ruhe. Das kann ganz anders sein. Seit über vier Jahrhunderten trotzt der Leuchtturm den Naturgewalten. Je näher man kommt, desto stärker erwächst der Winzling zum Giganten: elegant, erhaben, 67,5 Meter hoch.
Ein Meisterwerk der Technik und Architektur. Ein Zeitzeugnis, das unter Denkmalschutz steht und klingende Beinamen wie „König der Leuchttürme“ und „Versailles des Meeres“ trägt.
Der Wärter
empfängt barfuß
Pierre Cordier empfängt die Bootsankömmlinge oft barfuß. Bei Flut steht die äußere Basis der Anlage unter Wasser. Bei Ebbe treten Schnecken und Miesmuscheln hervor, die am felsigen Untergrund haften. Cordier zählt zum Team der Leuchtturmwärter, die von April bis Oktober in Personalunion als Gästeführer agieren.
Turnusmäßig hat er zwei Wochen Dienst, zwei Wochen frei. Der 42-Jährige räumt mit überholten Vorstellungen von seinem Job auf. Früher, erzählt er, lebten die Wärter in spartanischen Kammern, mussten rund um die Uhr auf den Turm, wo Holz, Pech, Walfette oder Kohle für die Leuchtfeuer dienten.
In der Gegenwart sieht es so aus: „Wir haben große Zimmer und eine große Gemeinschaftsküche. Nachts schlafen wir. Das Licht des Leuchtturms ist automatisiert. Im Notfall springt ein Alarmsystem an.“ Die Treppen bis zur Spitze steigt er einzig mit den Besuchern auf und unterstreicht: „Cordouan ist mehr als ein Leuchtturm.“
Antiken Weltwundern nachgeeifert
Unter der Ägide des Königshauses entstand Cordouan als Monument mit Symbolkraft und Imponiergehabe. Es war ein Statement der Weltmacht Frankreich, eine Glorifizierung der Monarchie, verwegen errichtet in den Jahren 1584 bis 1611. Erklärtes Ziel war, in der würdigen Nachfolge des Leuchtturms von Alexandria zu stehen, einem der sieben Weltwunder der Antike.
Cordouan habe „den Fuß einer Festung, den Körper einer Kapelle der Renaissance, den Kopf und das Auge eines Leuchtturms“, skizzierte 1901 der französische Journalist Henri Clouzot. Anfangs war der Leuchtturm niedriger und verschnörkelter. Später erlebte er diverse Umbauten samt Aufstockung auf sechs Etagen, ohne seine Essenz zu verlieren.
Wer die untere Plattform betritt, glaubt sich in eine Melange aus Burg, Palast und Sakralbau versetzt. Säulen wölben sich hervor. Der Eingang gleicht einem Domportal. Draußen und drinnen ziehen sich kunstvolle Dekors über die Mauern, steinerne Pflanzengirlanden und Reliefs von Köpfen.
Königswohnung zur Küche umfunktioniert
Die Wohnung des Königs nimmt den ersten Stock ein, ist edel ausgelegt mit schwarz-weißem Marmor, ein Ausdruck des Wohlstands, der Stärke. „Doch nie hat sich ein Souverän die Mühe gemacht, nach Cordouan zu kommen“, verbürgt das Besuchsheft. Adieu Respekt: Schon früh nutzten die Wärter den Raum, um zu kochen. Denn es gab einen Kamin.
Die Wendeltreppe windet sich zur Kapelle, die weltweit als Unikat in einem Leuchtturm mitten auf See gilt, so Monsieur Cordier. Sie entstand auf Betreiben von Herrscher Heinrich IV., einem Hugenotten, der 1593 aus Kalkül zum Katholizismus konvertierte.
Es ist etwas düster. Kerzen flackern. Das Licht fällt durch Buntglasfenster mit Heiligen. Hoch über dem Altar hält die Madonna ihr Kind in Händen. In Cordouan spiegelt sich seit jeher auch der Glaube – und Heinrich wollte die Monarchie von Gottes Gnaden demonstrieren.
301 Stufen bis
zu den Möwen
Nummerierte Stufen führen weiter hinauf. Bei 301 ist Schluss, dann tritt man hinaus aufs Aussichtsrund. Möwen kreischen. Die Luft schmeckt nach Salz. Das Wasser kreiselt um tückische Sandbänke. Der Blick schweift bis zur Küste und verliert sich am Horizont. Die Gedanken treiben davon. Wie viele Tragödien mag der Leuchtturm verhindert, wie viele Leben gerettet haben?
Die Strahlen reichen 19 Seemeilen weit. Leuchttürme geben Hoffnung, Sicherheit. Sie warnen, mahnen zur Vorsicht. Sie weisen den Weg in der Heimat oder der Fremde. Sie sind standhaft, trotzen stürmischen Zeiten. Jeder Mensch braucht Signale, Lichter und Ankerpunkte der Orientierung – also Leuchttürme, auch im übertragenen Sinn.
Die Besuchszeit ist um. Rasch signiert Wärter Cordier sein Buch über die Geschichte von Cordouan, erhältlich im Shop. Eigentlich ist er Historiker, fühlt sich aber hier ebenso in seinem Element. „Jeder Tag ist anders, das Wetter, das Meer, wenn die Wellen direkt hinter den Mauern krachen. Das ist mein zweites Zuhause“, sagt er zum Abschied. Zurück an Bord, schrumpft der Leuchtturm von Cordouan bald wieder zum Streichholz. Andreas Drouve/dpa-tmn