Wie lange ich auch auf die Wellen schaue: Den Gedanken „Jetzt reicht es langsam mal“ produziert mein Gehirn einfach nicht. Mein innerer Meer-Akku hat noch nie 100 Prozent erreicht. Aber vielleicht macht es einen Unterschied, wenn ich nicht nur einen Nachmittag am Meer verbringe, sondern Abend, Nacht und Morgen dranhänge – also am Strand schlafe?
Das möchte ich ausprobieren, buche eine Nacht in einem Schlafstrandkorb. Der steht am Strand von Eckernförde an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, rund 25 Kilometer nördlich von Kiel. Das Strandkorb-Abenteuer beginnt damit, dass wir – ich habe meinen Mann im Gepäck – gegen 14 Uhr an der Tourist-Info zwei Schlüssel in Empfang nehmen. Einer öffnet uns den Strandkorb, einer das öffentliche WC an der Promenade, wenn mitten in der Nacht die Blase drückt.
Wie Zelten, nur mit
weniger „Autsch!“
Mit proppevoller Strandtasche watscheln wir die wenigen Minuten bis zum Meerwasserwellenbad, wo unser Schlafstrandkorb wartet. Kissen, Laken und Bettdecke muss man selbst mitbringen – wie beim Zelten. Gut, dass wir auch an eine batteriebetriebene Zeltlampe und eine Powerbank zum Handyladen gedacht haben. Denn Licht und Strom gibt es im Schlafstrandkorb nicht.
Unter den neugierigen Blicken eines spielenden Mädchens öffnen wir das Vorhängeschloss und klappen das graue Verdeck nach hinten. Die gepolsterte Liegefläche kommt mir etwas schmaler vor als mein 1,40-Meter-Bett zu Hause. Den Menschen, mit dem man hier übernachtet, muss man also gernhaben.
Beim Hochklappen des Kopfteils offenbart sich Stauraum, der immerhin für einen größeren Rucksack reicht. Alles andere verstauen wir am Fußende – eingezogene Beine, ahoi!
Fazit nach dem ersten Probeliegen: Die Matratze ist einigermaßen bequem, fieses Rückenzwicken morgen früh dürfte nicht zu erwarten sein. Wenigstens ein Unterschied zum Zelten. Weiteres Detail: Beim Liegen kann man seitlich durch Bullaugen herausgucken, die sich mit einem Handgriff vor den Blicken neugieriger Strandgäste verschließen lassen.
Gemütlichkeit bei
Schmuddelwetter
Am Nachmittag melden sich Kaffeedurst und Fischbrötchenhunger – also machen wir uns fertig für eine Eckernförde-Runde. Beim Aufbrechen sehen wir, dass das neugierige Mädchen halb in den verschlossenen Nachbar-Schlafstrandkorb hineingekrochen ist. Müssen unsere Kuscheltiere Angst vor einer Entführung haben? Wir krabbeln kurz in unseren Strandkorb und vergraben sie tief im Rucksack. Sicher ist sicher. Als wir satt zurückkehren, sind die Kuscheltiere noch da – der kleine Zaungast weg. Der Blick in den Himmel könnte die Erklärung liefern. Eine dunkle Schietwetter-Front steht in den Startlöchern. Der Strand ist nahezu menschenleer.
Als die ersten Tropfen fallen, klappen wir das Verdeck zu. Wie beim Zelten erweist sich das leichte Trommeln des Regens als ein Gemütlichkeits-Boost. Sogar der Meerblick bleibt einigermaßen erhalten: Die Plane hat einen transparenten Einsatz. Vereinzelt spazieren Menschen mit bunten Regenschirmen und -jacken an der Wasserkante entlang. Nach einer Viertelstunde ist es wieder trocken, der Himmel hellt sich auf. Es wird nicht der letzte Schauer gewesen sein.
Während in den ersten Strandkorbstunden noch alles neu ist, stellt sich zum Abend hin mehr Ruhe ein.
Wir gehen essen – Kochen geht ja nicht – und machen es uns im Anschluss gemütlich. Ich schlüpfe in einen Schlafanzug, ziehe einen Pulli über, krieche unter die Decke. Und dann? Hier zu sitzen und diesen Ort auf sich wirken zu lassen, reicht völlig aus.
Es gibt einiges zu sehen. Um 21.45 Uhr bietet der Himmel alle denkbaren Farbnuancen zwischen Zartblau und Pastellrosa auf.
Wolken wandern über die Eckernförder Bucht, in der Ferne zieht ein Vogelschwarm vorbei. Es könnten Gänse sein. Ich frage mich, wann ich mich zuletzt minutenlang nur dem Himmel gewidmet habe. Doch da fehlt doch was. Wir sind an der Ostsee, Meeresrauschen hören wir aber nicht. Weil es nahezu windstill ist, kräuselt sich das Wasser nur ganz sanft.
Um kurz vor Mitternacht schlurfen wir in Schlafanzügen zum öffentlichen WC und putzen die Zähne. Der Tag ist zu Ende. Obwohl ich müde bin, brauche ich ewig, um einzuschlafen. Angst habe ich nicht, dennoch lässt mich der Gedanke nicht los, dass unser Outdoor-Bett an einem öffentlichen Ort steht. Und das ist auch zu hören. Der Stoff des Verdecks lässt sämtliche Geräusche durch. Etwa die Technobeats aus der Musikbox, mit der jemand mitten in der Nacht am Strand entlangläuft. Oder den „Wer kreischt am eindrucksvollsten?“-Contest der Möwen am sehr frühen Morgen. Ich zähle gar nicht mit, wie oft ich in dieser Nacht wach werde.
Um kurz vor 10 Uhr geben wir die Schlüssel ab. Fast 20 Stunden haben wir an der Ostsee verbracht. Ich nehme viel Müdigkeit mit, aber auch einen gut geladenen Meer-Akku. R. Diekmann/dpa