Es gibt diesen Moment, in dem der Traumurlaub kippt. Man steht vor dem Bauwerk, das man seit Jahren sehen wollte, und sieht vor allem die Rücken anderer Menschen. Der Espresso kostet, was zu Hause ein Mittagessen kostet. Die engen Gassen sind so überlaufen, dass man nur im Schneckentempo vorankommt.
Doch es gibt Orte in Europa, die genauso schön sind wie die weltweit bekannten Originale und oft noch so herrlich beschaulich wie Venedig und Co., bevor der Ruhm kam. Ein Kanalviertel mit Museen, in dem man vor Meisterwerken nicht Schlange stehen muss. Ein Bergdorf, in dem abends noch Einheimische in der Wirtsstube sitzen. Wer sich darauf einlässt, muss ein bisschen mutig sein: fremdere Namen, weniger Schilder, öfter mal nach dem Weg fragen. Doch daraus wird eine Reise, von der man Jahre später noch erzählt. Wir haben im Buch „Destination Dupes“ geblättert – sieben tolle Doppelgänger rausgepickt.
1. Colmar statt
Straßburg
Colmar liegt siebzig Kilometer südlich von Straßburg und hat mit La Petite Venise sein eigenes Kanalviertel, über das Kähne gleiten, gesäumt von Fachwerk und Geranien. Im Unterlinden-Museum hängt der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, ein Meisterwerk, für das man nicht anstehen muss. Frédéric-Auguste Bartholdi, der Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue, wurde hier geboren, sein Geburtshaus ist heute Museum. Von hier sind Riquewihr und Kaysersberg ein Katzensprung, lieber mal nach Colmar statt ins überlaufene Straßburg.
2. Përmet statt
Shkodra
Përmet liegt im Süden Albaniens, eingebettet zwischen dem Gebirge Nemerçka und der smaragdgrünen Vjosa, einem der letzten großen Wildflüsse Europas. Ein paar Kilometer weiter liegen die Thermalquellen von Bënja, natürliche Becken unter einer osmanischen Steinbogenbrücke aus dem 18. Jahrhundert. Die Stadt gilt als Hauptort für Raki und für Gliko, in Sirup eingelegte Früchte, die man in Familienbetrieben probiert. Wer Albanien so erleben will, wie es die Albaner leben, fährt nicht nach Shkodra, sondern hierher.
3. Idrosee statt
Gardasee
Dreißig Kilometer vom Nordufer des Gardasees entfernt liegt im Val Sabbia der Lago d‘Idro, elf Quadratkilometer türkises Wasser zwischen den lombardischen Voralpen. Über Anfo klettert die Rocca d‘Anfo den Berghang hinauf, eine Festung aus dem 15. Jahrhundert, die Napoleon erweitern ließ und die man bei Führungen erkundet. Baden kann man hier von Mai bis September, für Surfer und Segler weht verlässlich Wind, ganz ohne Gedränge auf dem See.
4. Telemarkkanal statt
Vierwaldstättersee
Der norwegische Telemarkkanal führt auf 105 Kilometern von der Küstenstadt Skien ins Bergdorf Dalen – 18 Schleusen und 72 Höhenmeter, gebaut von 1887 bis 1892. An Bord der MS Victoria dauert die Fahrt acht Stunden, vorbei an Wäldern, Bergseen und roten Holzhäusern. Der Höhepunkt sind die Vrangfoss-Schleusen, wo das Schiff über fünf Stufen gehoben wird. Am Ziel steht das Dalen Hotel mit Türmchen und pittoresk geschnitzten Fassaden, und niemand hat sich um einen Sitzplatz an Deck gestritten.
5. Waalwege statt
Madeira
Über 300 Kilometer alte Bewässerungskanäle durchziehen den Vinschgau, viele davon seit dem 13. Jahrhundert, und die Wege daneben steigen so gleichmäßig an, dass auch Kinder sie schaffen. Der Marlinger Waal zieht sich zwölf Kilometer oberhalb von Meran durch einen der größten Lärchenwälder der Alpen. Unterwegs stehen alte Mühlen, Wehranlagen und die Hütten der Waalmeister, die früher das Wasser verteilten. Statt Levada-Touri-Gedränge auf Madeira hört man Wasser, Vögel und ferne Kirchenglocken.
6. Nardò statt
Lecce
Nardò liegt wenige Kilometer von Lecce entfernt und wurde von denselben Steinmetzen geprägt, die den Lecceser Barock erfanden, aus demselben honigfarbenen Kalkstein, der abends golden leuchtet. Herzstück ist die Piazza Salandra mit der Kathedrale Santa Maria Assunta und der barocken Guglia dell‘Immacolata, über der Stadt thront das Castello Acquaviva aus dem 15. Jahrhundert. In der Via Duomo arbeiten Handwerker an Keramik und Textilien, abends flanieren Einheimische durch die Gassen. Die Ionische Küste mit klarem Wasser beginnt gleich hinter den Olivenhainen.
7. Urnes statt
Heddal
Die Stabkirche von Urnes am Lustrafjord entstand um 1130 und ist damit die älteste ihrer Art, lange Unesco-Welterbe. Ihre Nordwand trägt jene Tiermotive, die der Kunstgeschichte den Namen Urnes-Stil gaben, eine Hochform wikingerzeitlicher Ornamentik. Man erreicht sie mit der kleinen Fähre von Solvorn über den Fjord. Heddal ist größer, Urnes älter und stiller. JA.