All inclusive: Ja oder nein?

von Redaktion

In diesem Jahr ist es so weit: Der erste All-inclusive-Urlaub steht an. In der Türkei. Während ich und meine Töchter voller Vorfreude von leckerem Essen & süßem Nichtstun schwärmen, hat meine Frau Angst vor Übergewicht und Kultur-Banausentum. Wer überzeugt wen?

Wir haben eine sehr genaue Waage. 98 Kilogramm und 600 Gramm zeigt sie bei mir am Tag der Abreise an. Bei 1 Meter 95 Körpergröße finde ich das akzeptabel, aber Männer sind da grundsätzlich toleranter. Selbstverständlich mache ich als Gentleman keine derlei Angaben über meine Frau. Wichtig sind die Daten aber, weil wir ausgemacht haben, dass ich pro Kilo Mehrgewicht am Ende der Reise genau einen Monat Zeit habe, diese Pfunde wieder loszuwerden. Deal.

Der Ton ist gesetzt. Dreimal Vorfreude versus einmal … sagen wir … Skepsis. Genährt von Erzählungen aus dem Freundeskreis, die davon berichteten, wie sie plötzlich in den Besitz von Wandteppichen oder Schmuck kamen und sich in Deutschland nicht mehr erklären konnten, wie sie zu solch überflüssiger und viel zu teurer Ware gekommen waren. Okay, also auch keine Besuche irgendwelcher Bazare, in denen einen hochbegabte Händler zu Dingen überreden, die man nun wirklich nicht braucht …

Ansonsten war die Erwartungshaltung klar: Ich möchte gutes Essen und maximale Erholung, meine Töchter erwarten sich attraktive Körperbräune und Spaß. Meine Frau Niki baut auf tägliche Ertüchtigung im Gym, damit sie mich nach dem Urlaub lächelnd auf meine Herbstdiät hinweisen kann.

Die etwa eineinhalbstündige Fahrt vom Flughafen Antalya zum Hotel in Manavgat ist gesäumt von zahlreichen Shopping-Malls, was Niki zu einem mehrminütigen Monolog über die Sinnlosigkeit von minderwertigen Textilien inspiriert, deren Herstellung einen spürbaren Einfluss auf den Klimawandel hat. Mir ist es viel zu heiß für einen Widerspruch und ich freue mich nur auf das erste kostenlose Bier von vielen gleich bei der Ankunft.

Tatsächlich bedeutet Ultra-All-inclusive, dass es zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas zu essen und zu trinken gibt. Sofort nach der Ankunft bekommen wir ein blaues Bändchen um den Arm gewickelt, das einen für die nächsten zehn Tage zu maximalem Konsum berechtigt. Bier und Burger also auch um 1 Uhr 30 nachts.

Der erste Tag lässt sich gut an. Direkt vor unserem Familienapartment liegt ein großer Pool, der morgens um 9 noch leer ist, auch wenn die Liegen alle schon mit Handtüchern reserviert sind. Das Frühstücksbuffet ist überreichlich, sogar heimisches Müsli ist möglich. Das frische Obst wird nur von meiner Frau beachtet, die Töchter erfreuen sich an Crêpes mit individuell steuerbarer Schokoladenfüllung.

Nach dem Frühstück geht es direkt zum Meer. Lauwarm ist das Wasser. Ein langer Steg lädt zu waghalsigen Kopfsprüngen ein. Und es gibt sogar noch Liegen ohne Handtücher, auf denen wir uns zum Müßiggang niederlassen können. Für den Rest des Tages. Beim Abendessen stürzt sich meine Frau auf frischen Salat, soweit das Auge reicht. Und ich bin mit frisch gegrilltem Lamm, Döner, Fisch, Köfte und verschiedenen Spießen mehr als glücklich. Keine Diskussion über Kochen, Einkaufen und vor allem Abspülen. Kann Urlaub schöner sein?

Der nächste Morgen bringt eine dramatische Wendung. Voller Schwung möchte Niki ihre Vorsätze umsetzen, im Gym prophylaktisch ihre eventuell ansetzenden All-inclusive-Pfunde zu bekämpfen. Das Laufband rattert unerbittlich, die Beine folgen dem schweißtreibenden Rhythmus und ihr Handy fällt mitten hinein in die Mechanik des Gerätes. Ein kurzes Knacken beendet die digitale Kommunikationsfähigkeit für den Rest dieses Urlaubs und die gute Laune meiner Frau schlagartig. Das Gym wird sie die nächsten Tage nicht mehr betreten.

Wir versuchen uns vergeblich, mit einer Michael-Jackson-Show wieder aus dem Stimmungstief zu ziehen. Und der Salat ist doch wirklich ausgezeichnet. Aber die Stimmung bleibt mau. Da spiele ich einen letzten Trumpf zur Wiedererlangung der guten Laune aus: eine Tagestour nach Side, römische Ruinen, antike Theater und ganz viel Geschichte. Tatsächlich wirkt auch der Trip dorthin wie eine Art All-inclusive-Urlaub. Eine charmante Altstadt hat sich inmitten von Ausgrabungen gebildet, Funktionsgebäude stehen direkt neben historischen Säulen. Dazu führen manche Wege über Glas, sodass einem die Geschichte von Side buchstäblich zu Füßen liegt. Und ja, es gibt auch Souvenirs. Ich lasse mich von einem Teeverkäufer von seiner herrlich bunten Mischung zu Tee für 63 Euro verführen. Meine Frau kauft zwei Fußballtrikots für die Mädels. Kopien. Für 10 Euro das Stück. Minderwertige Textilien? Klimawandel? Meinungswechsel? Egal, jetzt haben alle wieder gute Laune.

Niki beschließt, sich von vermüllten Stränden abseits der Hotelanlage und von Gästen, die die Hälfte ihres Essens auf dem Teller zurücklassen, die Stimmung nicht mehr vermiesen zu lassen. Wir lassen los und uns mehr ein. Auf das Abenteuer All-inklusive.

Obwohl: Ich muss gestehen, dass ich ab Tag vier auch hin und wieder mal zum Salat-Büfett wechsle. Und vier Gläser Bier pro Tag mein Maximum werden. Kein hektischer Kalorien- und Alkoholkonsum mehr. Stattdessen: langes Schlafen, spätes Frühstück, Strand oder Pool. Spielen, essen, spielen. Und lesen. Man könnte sagen, die restlichen Tage waren langweilig. Oder auch erholsam. Oder ein bisschen was von beidem.

Die Mädchen haben ihr Ziel auf jeden Fall erreicht: Die Haut ist gebräunt wie lange nicht mehr. Niki schafft es, ihren Gute-Laune-Vorsatz durchzuhalten. Freilich mit dem Resümee, dass sie bei aller Wertschätzung für die netten Menschen und das gute Essen so einen Urlaub so schnell nicht mehr braucht. Und ich fühle mich tatsächlich ausgeschlafen. Zum ersten Mal nach einem Familienurlaub.

Und was sagt die Waage? Sie zeigt zu Hause 99,3 Kilo an. Mit Kleidung. Bei meiner Frau sogar ein Kilo weniger. Ich grinse, weiß: Das wird mein Argument für den nächsten All-inclusive-Urlaub. Machen wir doch wieder diesen Diät-Trip… Thomas Hauswald

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