Allein mit Kind reisen: Macht das Spaß?

von Redaktion

Als Single-Mama ist der Alltag nicht immer leicht. Noch schwieriger wird‘s oft im Urlaub. Eine Münchnerin erzählt, wie sie mit ihrer Tochter reist. Und von schlaflosen Nächten vor der Abreise und furchtbar knappem Budget.

„Jede ‚Familie‘ hatte ihren eigenen Tisch, jeder war für sich, alle nebeneinander.“ Tanja Keim braucht nur einen Satz, um den Urlaub zu beschreiben, in dem sie sich komplett fehl am Platz fühlte. Damals hatte sie sich in ein Familienhotel in Österreich mit ihrer Tochter eingebucht. Und wurde mit dem Gefühl konfrontiert, das sie schon von manchen Münchner Spielplätzen kannte: „Jeder ist mit seinem Kind hier, aber es findet keine Begegnung statt, noch nicht mal zwischen den Kindern.“

Wo also gehört der hin, der allein mit Kind verreist? Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts lebten 2025 immerhin rund 1,62 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern in Deutschland, das ist knapp jede fünfte Familie, mehr als vier von fünf davon sind Frauen.

Jetzt müssen wir aber vorwegschieben, dass Tanja Keim ein Profi in Sachen Reisen ist. Die Münchnerin hat Tourismusmanagement studiert, lebte in Ecuador, Tadschikistan, Kambodscha, Frankreich, England und Spanien. Seit zwölf Jahren ist sie Reiseleiterin und Programmgestalterin für ReNatour, einen kleinen Veranstalter für naturnahe Reisen (www.renatour.de). Außerdem ist sie Yogalehrerin und Wildnispädagogin.

Seit wann Tanja allein mit Kind reist? „Seitdem mein Kind in meinem Bauch war“, gibt sie zur Antwort. Ihre Tochter Naya ist halb Deutsche, halb Tinerfeña, ein Kind der Insel Teneriffa. Schon als Baby pendelt sie zwischen München und der spanischen Yaya, der Oma. Der erste richtige Urlaub war eine Deutschlandtour im Camper, Naya war zwei Monate alt. Durch halb Prag hat Keim sie auf dem Arm getragen, durch Berlin, durch die Sächsische Schweiz. Mit einem Baby zu reisen, das noch gestillt wird, findet sie bis heute richtig unkompliziert: „Man hat ja immer das Wichtigste dabei, Muttermilch sowie wärmende Arme.“

Die lange Tafel
im Olivenhain

Dann kam Korfu. Als Naya drei war, stand Tanja zum ersten Mal als Reiseleiterin im Honigtal, einer kleinen Anlage in der hufeisenförmigen Bucht Agios Georgios Pagi im Nordwesten der Insel. Mellianou nennen Einheimische einen Teil dieser Bucht. Meli heißt Honig, deshalb taufte der Veranstalter sein Ziel 1997 Honigtal.

Was hier anders ist, beginnt beim Frühstück. Es gibt keine Zweiertische, es gibt große Tafeln. Die Eier stammen von Hühnern aus dem Garten, der Käse ist selbst gemacht. „Die Kinder sitzen oft nur kurz mit am Tisch, um sich zu stärken, und flitzen dann wieder in den Garten zum Spielen, während die Eltern mit anderen Eltern in Ruhe essen und ratschen können“, sagt Tanja. Ob da eine Vier-Personen-Familie sitzt oder eine Mutter allein, sei ziemlich unwichtig. „Und das ist das Schöne.“

Tanja hat in zwölf Jahren immer wieder beobachtet, wie Neuankömmlinge durch den Garten geführt werden. Wie die Eltern den Kindern noch hinterherrufen: „Lauft nicht so weit weg!“, bis sie merken, dass sie ihr Kind auch aus der Hängematte heraus im Blick haben. Darum geht es ihr, wenn sie erklärt, was kinderfreundlich für sie bedeutet: „Dass die Kinder möglichst frei toben und entdecken können, die Eltern aber entspannt bleiben können, auch wenn sie ihr Kind mal kurz nicht sehen.“ Dazu gehöre eine gut bestückte Ausleihecke: Babyphon, Rausfallschutz fürs Bett, Bollerwagen, Schwimmnudeln, Sonnenschirme, Kinderaufsätze für die Toilette. Dinge, die man nicht mitschleppen will in den Urlaub.

Wo das Geld
herkommt

Bleibt die unromantische Zwischenfrage, ob sie lange sparen muss, auf solche Urlaube. Keim redet darüber sehr offen, auch mit ihrer Tochter: „Meiner Tochter ist bewusst, dass unser Budget logischerweise niedriger ist als das von zwei Elternteilen.“ Sie verreisen nicht in allen Ferien. Und auf Korfu hat Naya nebenbei gelernt, dass sie nicht wie andere Feriengäste jeden Tag ein Eis bekommt.

Tanjas Spartipps sind unspektakulär und deshalb so brauchbar: Mit Kindergartenkindern grundsätzlich außerhalb der Schulferien fahren. Auf Selbstverpflegung setzen. Sich mit dem Kind auf feste Regeln einigen, ein Eis pro Tag etwa. Und, der beste Trick von allen, gemeinsam mit befreundeten Familien eine größere Unterkunft mieten und die Kosten teilen.

Woran sie nicht spart: „Auf keinen Fall spare ich an gutem Essen und Spontanität beziehungsweise Freiheit.“ Woran schon: „Ich spare an typischen Tourismus-Hotspots.“ Eintritte, überteuerte Freizeitparks.

Und dann hat Tanja noch einen Tipp: Wer sich einen Zuschuss vom Staat holen möchte, hat als Bayer gute Karten. Das Zentrum Bayern Familie und Soziales fördert Familienerholung mit bis zu 19,50 Euro pro Person und Tag. Der Haken: Es muss eine anerkannte Familienferienstätte sein, und der Antrag muss vor der Buchung gestellt werden.

Die Nacht vor
der Abreise

Und dann liegt man wach. Vor der ersten Reise allein mit Kind. Tanja kennt das Chaos am Abend davor. „Es fehlt immer irgendetwas, meist sind es die Papiere.“ Ihr Rat an alle, die um drei Uhr früh im Geiste noch Listen durchgehen: „Genießt das Gefühl der Vorfreude und habt Vertrauen, dass eine wunderschöne Zeit vor euch liegt. Je entspannter man ist, desto besser kann sich auch das Kind entspannen.“

Hat Tanja noch Tipps in Sachen Gepäck und Anreise? Klar! Gepackt wird – egal wie lang man reist – immer für eine Woche, gewaschen wird dann bei Bedarf vor Ort. In den Kulturbeutel gehören Elektrolyte und Kohletabletten, alles andere richtet sich nach Klima und Jahreszeit.

Sternschnuppen
über Plakias

Wer mit der Fähre nach Griechenland fährt, sollte eine Kabine buchen. Sechzehn Stunden über die Adria klingen nach Strapaze, sind es aber nicht: An Bord gibt es Betten, ein Restaurant und frische Seeluft. Im Auto dagegen wird Kindern gerne schlecht, und bewegen kann sich niemand.

Naya ist inzwischen Teenagerin. Doch mit Mama reist sie noch immer gerne. Im vergangenen Sommer waren die beiden auf Kreta, in der Souda-Bucht bei Plakias an der Südküste. Das ReNatour-Haus mit siebzehn Zimmern bietet viel für Familien mit Jugendlichen: eine Bucht zum Schnorcheln vor der Tür, Wanderungen durch die Imbros-Schlucht, eine Bootstour zum Preveli-Palmenstrand, Bummeln durch die kleinen Läden der Nachbarbucht. Die Teenager schliefen eine Nacht im Freien, um Sternschnuppen zu zählen. Tanja hatte lange Gespräche mit anderen Eltern.

An die Korfu-Jahre denkt sie trotzdem am liebsten zurück. „Das waren so freie, naturverbundene, unbeschwerte Jahre. Sie tragen uns bis heute – auch durch motzige, pubertäre Zeiten. Ja, Reisen mit Kind allein ist unterm Strich wirklich toll und wichtig. Es hat mich und meine Tochter zu einem super Team gemacht.“ Julitta Ammerschläger

Reise-Tipps

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