Der Wind pfeift über die Wiese vor dem reetgedeckten Haus auf Hallig Hooge. Hinter uns flattert die helle Bettwäsche auf der Leine, am Horizont geht das Grau-Blau der Nordsee nahtlos in den Himmel über. Katja Just sitzt neben mir im Gras und erzählt, wie sie gerade ihr erstes Buch zu Papier bringt. Einige Jahre lebt sie da bereits auf Hooge, als sie ihre ersten Seiten schreibt. Heute ist daraus eine ganze Reihe von Geschichten geworden. Kürzlich erschien mit „Gegenwind auf dem Sommerdeich“ ihr drittes Werk – ein neuer Blick auf einen Ort, der längst zu ihrer Heimat geworden ist.
Zwei Welten, eine
Herzenssache
„Hooge ist mein Zuhause“, sagt Just ohne Zögern. Und doch schlägt in ihrer Brust eine doppelte Verbindung: Ismaning bleibt die alte Heimat, die Hallig die gewählte Herzheimat. Zwei Welten, die gegensätzlicher kaum sein können. Hier die florierende Gemeinde vor den Toren Münchens, dort ein winziger Flecken Erde mitten in der Nordsee, auf dem keine 100 Menschen den Elementen trotzen und wo Just heute zwei Ferienwohnungen vermietet. Die Häuser und Siedlungen konzentrieren sich auf den Warften – jenen künstlich aufgeschütteten Siedlungshügeln, die wie Festungen aus dem Wasser ragen, wenn die See ungemütlich wird und die Hallig einnimmt. Auf Hooge ist das Meer der Taktgeber des Alltags. „Die Natur hat die Hosen an“, bringt es Just auf den Punkt.
Wer diesen Kosmos im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer besucht, sollte Zeit mitbringen. Ein Tagesausflug – etwa für ein Stück Kuchen in einem der beiden Cafés – kann nur einen ersten Eindruck vermitteln. Besser: Ein Fahrrad mieten und die Hallig erkunden. Da ist die Halligkirche Sankt Johannis auf der Kirchwarft mit ihrem schlichten, friesischen Charme. Auf der Hanswarft warten der historische Königspesel, eine lokale Kulturausstellung, das Sturmflutkino und drei Galerien. Neben der ganzjährigen Linienfähre bringen im Sommer Ausflugsschiffe Urlauber und zusätzliche Tagesgäste auf die Hallig. In der warmen Jahreszeit voller Leben, im Winter eine Auszeit für die Seele: Hooge hat zu jeder Jahreszeit ihren eigenen Reiz.
Dass das Leben im Wattenmeer nichts mit einer verklärten Postkartenidylle zu tun hat, ist Justs wichtigste Botschaft. „Es ist keine Märchenromantik und kein Bullerbü“, betont sie. In einer so kleinen Gemeinschaft reibt man sich. Es gibt Ecken, Kanten und stürmische Böen – im zwischenmenschlichen Bereich genau wie draußen am Deich. Just erinnert sich gut an ihren rauen Start: Kurz vor dem Aufbruch im Jahr 2000 zerbricht ihre Partnerschaft. Sie kündigt ihren Job bei Lufthansa Technik, verlässt ihr Münchner Umfeld und zieht allein auf die Hallig. Es folgen Jahre des Lernens. Heute beschreibt sie diese Zeit mit einem Bild, das auch den Titel ihres dritten Buches erklärt: „Der Wind kommt halt nicht immer nur von hinten. Wer die erste Böe durchsteht und offen bleibt, erfährt irgendwann Akzeptanz und tiefe Verbundenheit. Wenn man das aushält, bekommt man auch ganz viel Rückenwind“, so Just. Auch ihre fünf Jahre im Bürgermeisteramt schärften diesen Blick. Plötzlich trägt sie die Verantwortung für millionenschwere Warftverstärkungen und bekommt es mit dem „Blanken Hans“ zu tun, wie die Küstenbewohner die tobende Nordsee bei Sturmfluten nennen. Wenn das Wasser an den Fundamenten rüttelt, schweißt das zusammen. Steigt die Flut, hilft man sich ohne Worte. Und trifft man auf der Straße auf einen Trauerzug, schaltet man den Motor aus und nimmt respektvoll die Mütze ab. „Der alte Schlag weiß einfach, wann man mit anpacken und wann man die Klappe halten muss“, sagt Just. Wer Hooge verstehen will, muss die Augen schließen und zuhören: dem Rascheln der Pappeln im Wind oder dem herbstlichen Naturschauspiel, wenn Stare in schwarzen Wellen über die Ockenswarft jagen. Wenn hunderte Vögel rauschend in die Schlafbäume einfallen und bis tief in die Nacht ihr Geschnatter über der Warft liegt, ehe am Morgen Stille einkehrt – kurz vor ihrem spektakulären Abzug gen Süden.
Respekt vor der
unberechenbaren Diva
Das Meer bleibt die große Konstante. Eine echte Wasserratte sei sie nie geworden, schmunzelt die gebürtige Münchnerin. Doch die unendliche Weite des Watts gibt ihr das Gefühl von Freiheit, das sie früher auf Alpengipfeln fand. Angst vor der See hat sie nicht, aber immensen Respekt vor dieser unberechenbaren Diva. Aus München betrachtet wirkt die Hallig wie eine ferne Welt am Rand der Nordsee. Für Katja Just ist sie längst der Ort, an dem Alltag und Gezeiten zusammengehören. Wenn wir das nächste Mal sprechen, wird sie vermutlich wieder etwas Alltägliches tun, etwa Wäsche aufhängen. Vor dem Haus flattern dann wieder die hellen Bettlaken – und für einen Moment steht die Zeit genauso still wie damals. Melanie Breuer