In höherem Alter oder bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit wird oft deutlich, dass viele Wohnungen oder Häuser den Anforderungen ihrer Bewohner und Bewohnerinnen nicht mehr gerecht werden. Ein selbständiges Leben zu Hause wird zunehmend schwieriger. Aber was genau wird wichtig? Welche Bedürfnisse und Bedarfe haben die Menschen dann? Welche technisch-digitalen Mittel können sie und gegebenenfalls auch ihre Pflegenden unterstützen und entlasten?
Musterwohnungen zum Ausprobieren
Kernstück des Forschungsprojekts, das 2019 gestartet hat, waren drei Musterwohnungen in Amerang und in Freilassing. Dort wurden Wohnraumanpassungen, technische Hilfsmittel und Assistenzsysteme entwickelt und in der Praxis erprobt. „Uns war wichtig, dass wir bestehenden Wohnraum neu gestalten. Dabei ging es nicht darum, möglichst viel in die Wohnungen zu integrieren, sondern genau zu überlegen, welche Bedürfnisse unsere Zielgruppen haben und was diese bei sich zuhause umsetzen können“, erläutert TH-Vizepräsidentin Professorin Dr. Sabine Ittlinger, die das Forschungsprojekt geleitet hat.
Projektpartner aus der Region
Als Unterstützer waren neben dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention mehrere lokale Partner an Bord: die Gesundheitsregion Plus des Landkreis Rosenheim, der Landkreis Berchtesgadener Land, die Ernst-Freiberger-Stiftung, die Gemeinde Amerang und die Medical-Park-Unternehmensgruppe.
Eine Besonderheit des Forschungsprojekts war, dass verschiedene Fakultäten der TH Rosenheim beteiligt waren: Neben der Fakultät für Angewandte Gesundheits- und Sozialwissenschaften brachten auch die Fakultät für Holztechnik und Bau sowie die Fakultät für Innenarchitektur, Architektur und Design ihr umfassendes Know-how ein. „Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit war sehr wertvoll. Wir haben Herausforderungen gemeinsam gemeistert und von den verschiedenen Sichtweisen sehr profitiert“, betont Ittlinger.
Über 300 Studierende der Physiotherapie, Pflege und Innenarchitektur nutzten die Musterwohnungen, um Anpassungen zu erarbeiten und Praxisinhalte zu erproben. Ein begleitendes Lehrangebot ermöglichte zudem etwa 350 Auszubildenden, sich mit den Schlüsselproblemen technischer Assistenzsysteme auseinanderzusetzen. Zu den mehr als 330 Veranstaltungen im Rahmen des Projekts kamen über 2.000 Besucherinnen und Besucher.
Fachkundige Beratung ist Menschen wichtig
Koordiniert wurde das umfangreiche Forschungsprojekt von Dr. Ulrike Fettke vom Zentrum für Forschung, Entwicklung und Transfer der TH Rosenheim. „Es hat sich gezeigt, dass es für Menschen zunächst wichtig ist, in ihre Wohnung zu kommen und sich dort ohne Hilfe einer weiteren Person fortbewegen zu können. Auch Bad und Toilette sind Räume, für die sich Menschen technische Unterstützung wünschen“, so Fettke. Dabei seien ihnen eine fachkundige Beratung sowie Unterstützung bei der Beschaffung, der Installation und dem technischen Unterhalt der Assistenzsysteme wichtig.
„Gesundheit und Wohnen neu denken“
Generell müssten, so Fettke, die Themen Gesundheit und Wohnen neu gedacht werden. „In einer alternden Gesellschaft werden immer mehr Menschen technische Unterstützung benötigen, um zu Hause wohnen zu bleiben. Es ist wichtig, dass technische Assistenzsysteme nicht als Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr als Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben zuhause gesehen werden.“
Das Projekt „DeinHaus 4.0“ hat in diesem Sinn nicht nur bedeutsame Erkenntnisse und Impulse geliefert, sondern auch die Grundlage für weitere Forschungsprojekte gelegt, betont Professorin Ittlinger: „Wir leisten damit einen wertvollen Wissenstransfer in die Gesellschaft.“