Oldenburg – Der verurteilte Patientenmörder Niels H. könnte für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft gestern bekannt gaben, soll der heute 40-Jährige mindestens 84 weitere Menschen an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst umgebracht haben. Der ehemalige Pfleger sitzt wegen sechs Taten bereits in lebenslanger Haft. Die Staatsanwaltschaft will gegen ihn nun erneut Anklage erheben.
Niels H. hatte gestanden, Patienten eine Überdosis an Medikamenten gespritzt zu haben, um sie anschließend wiederbeleben zu können. So wollte er sich vor Kollegen als Held gerieren. Die eigens eingerichtete Sonderkommission ließ 130 frühere Patienten beider Kliniken ausgraben und auf Medikamenten-Rückstände testen. Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme sagte, die Ergebnisse „sprengen jede Vorstellungskraft“.
Die Ermittler wurden bei 48 Patienten in Delmenhorst und 36 in Oldenburg fündig. Bei 41 Toten stehen die Ergebnisse noch aus. Bei 130 Patienten ist ein Nachweis nicht mehr möglich, weil sie sich einäschern ließen. Soko-Leiter Arne Schmidt sagte, die belegbaren Morde seien nur die „Spitze des Eisbergs“.
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz spricht von Versagen. Tätern werde es zu leicht gemacht, erklärte Vorstand Eugen Brysch. In vielen der 2000 deutschen Kliniken seien Kontrollmechanismen nicht verschärft worden, oft fehle ein anonymes Meldesystem. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zeigte sich bestürzt, warnte aber vor einem Generalverdacht gegen Pfleger.