München – Während Boris Johnson in London versucht, das Parlament zu umgehen, wächst in Deutschland der Druck, Großbritanniens Premierminister im Ringen um den Brexit entgegenzukommen. Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, die EU müsse von ihrem „Abstrafmodus“ wegkommen, um einen harten Brexit zu verhindern. Ein ungeregeltes Ausscheiden Großbritanniens aus der EU wäre angesichts der rezessiven Stimmung in Deutschland „das Letzte, was wir brauchen“.
Der Chefökonom der viertgrößten deutschen Bank sagte, die EU könne den Briten etwa in der Nordirland-Frage entgegenkommen. Ein souveräner Staat wie Großbritannien könne sich nicht diktieren lassen, dass eine seiner Provinzen dauerhaft im EU-Binnenmarkt verbleiben müsse. Die EU beharrt bislang auf dem sogenannten Backstop, der bis zum Abschluss eines neuen Handelsabkommens Grenzkontrollen auf der irischen Insel vermeiden soll, um den Friedensprozess nicht zu gefährden. Johnson lehnt den Backstop kategorisch ab. Krämer schlägt einen Kompromiss vor: „Man könnte an der Grenze zwei Spuren einrichten: eine für die Lastwagen der zollpflichtigen Unternehmen und eine für Privatpersonen, die man durchwinken kann.“ Außerdem ließen sich die Zollformalitäten für die Unternehmen nach dem Aufbau entsprechender digitaler System ins Hinterland verlegen. „Es wäre gut, wenn die EU die sogenannte Auffanglösung für Nordirland zeitlich begrenzt. In zwei oder drei Jahren, wenn eine weitgehend unsichtbare Grenze organsiert ist, könnte Großbritannien selbst entscheiden, ob Nordirland in der EU und Zollunion bleibt oder nicht.“
In Großbritannien wächst derweil der Widerstand gegen die Zwangspause für das Unterhaus.