München – Seit einem Jahr ist die Inzidenz das entscheidende Kriterium für alle Corona-Maßnahmen – jetzt deutet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erstmals ein Umdenken an. „Da die gefährdeten Risikogruppen bereits geimpft sind, bedeutet eine hohe Inzidenz nicht automatisch eine ebenso hohe Belastung bei den Intensivbetten“, sagte er.
Deshalb benötige man nun detailliertere Informationen. „Wir wollen wissen, wer erkrankt und wie gut er geschützt ist. Nur so können wir zeitnah abschätzen, wie hoch die Belastung für das Gesundheitssystem wird und wie gut die Impfungen wirken.“ Krankenhäuser müssen künftig auch das Alter, die Art der Behandlung und den Impfstatus melden. Eine Meldeverordnung solle zügig erweitert werden, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. „So kann das Infektionsgeschehen besser überblickt werden.“
Bislang galt die Inzidenz, also die Zahl der Ansteckungen binnen sieben Tagen und 100 000 Einwohnern, immer als verlässlichstes Kriterium für Corona-Maßnahmen. Zuletzt stieg sie wegen der Delta-Variante wieder leicht an – gestern bundesweit auf 6,2, in Bayern weiterhin etwas darüber auf 7,1.
Mit fortschreitender Impfung wächst aber die Kritik an ihr. Die FDP fordert schon länger, andere Kriterien hinzuzuziehen. Auch aus der SPD melden sich erste Stimmen: „Die Inzidenz wird nach der erfolgreichen Impfkampagne keine hinreichende Kennziffer zur Bewertung der Lage oder gar als Grundlage für Einschränkungen der Grundrechte mehr sein“, erklärten die stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Fraktion, Bärbel Bas und Dirk Wiese.