München – Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft – und zwar massiv: Lag die Einwohnerzahl im Jahr 2022 bei 81,9 Millionen, rechnen Statistiker bis zum Jahr 2070 mit einem Rückgang von rund zehn Prozent. „Das ist deutlich mehr, als man bisher gedacht hat“, sagte Joachim Ragnitz vom ifo-Institut in Dresden gegenüber unserer Zeitung. Zuvor seien die Statistiker von einer weitgehend konstanten Entwicklung ausgegangen. In Bayern wird ein Minus von acht Prozent erwartet. In Stadtstaaten wie Hamburg und Berlin dürften dagegen bald mehr Menschen leben. „Auch in Gegenden um München und Frankfurt werden wir weiterhin einen Bevölkerungszuwachs sehen“, sagte Ragnitz. Der größte Schwund droht im Osten, Schlusslicht ist Thüringen mit minus 29 Prozent.
Laut ifo-Institut wird sich die Alterung der Gesellschaft damit deutlich beschleunigen. Der Arbeitskräftemangel verschärft sich, der Reformdruck im Renten-, Gesundheits- und Pflegesystem steigt. In Regionen mit schrumpfender Bevölkerung dürften Immobilien an Wert verlieren. „Meine Sorge ist, dass die Politik die neue Bevölkerungsprognose nicht wirklich ernst nimmt und nichts gegen die unangenehmen Konsequenzen unternimmt“, sagte Ragnitz. „Arbeitskräftemigration wird in der Politik zwar irgendwie als Notwendigkeit angesehen, aber es gibt kaum gezielte Anwerbeversuche, die eine qualitativ andere Zusammensetzung des Wanderungssaldos zur Folge hätten.“ Zudem könnte eine höhere Geburtenrate helfen. „Dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen für junge Familien verbessern, etwa durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“SH» WIRTSCHAFT