Zum Artikel „OVB-Reporter begleitet den Großeinsatz in den Flüchtlingsunterkünften im Rosenheimer Aicherpark“ (Regionalteil):
Dieser Artikel ist fernab von gutem Journalismus, es wirkt mehr wie Werbung für die Rosenheimer Polizei. Es fehlt an Objektivität und kritischer Berichterstattung! Der Großeinsatz war vollkommen überflüssig, wie sich ja auch herausstellte. Dafür wurden die armen Menschen in aller Herrgottfrüh in Angst und Schrecken versetzt. Am Schluss dann noch darauf hinzuweisen, dass sie gelassen wirkten und wohl in ihrer Heimat Schlimmeres erlebt hätten, ist purer Sarkasmus. Es wird geschrieben, dass die Polizisten sich den wohlverdienten Kaffee schmecken ließen. Viel besser wäre es gewesen, sie hätten ihn den Bewohnern als Entschuldigung angeboten. Was für ein Menschenbild hat die Polizei und auch was für ein Menschenbild hat dieser Journalist? Ich sage bloß, wehret den Anfängen! Leser, welche nur die Überschrift gelesen haben, könnten ein schlechtes Bild von Flüchtlingen bekommen. Das es auf so engen Raum zu Konflikten kommen kann, hat nichts mit Migrationshintergrund zu tun, sondern mit dem normalen Menschsein. Präventiv hilft nicht so ein Großeinsatz, sondern menschenwürdige Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Dass so ein Werbeartikel für die Polizei geschrieben wurde, ist schon traurig, aber dass es von der Chefredaktion abgesegnet wurde, ist dramatisch und hat nichts mit sauberen Journalismus zu tun.
Julia Schleburg
Rosenheim
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Präventionsmaßnahmen. Aber ist es wirklich Prävention, wenn offensichtlich anlasslos 180 schwer bewaffnete Polizisten im Morgengrauen in einem Asylbewerberheim 195 Bewohner aus ihren Betten holen? Pro Asylbewerber – 66 Männer, 43 Frauen und 86 Kinder und Jugendliche – ist das etwa ein Polizist. Was finden sie? Zwei „Fremdschläfer“…. Der Verfasser des Artikels hat recht: Viele haben in den Heimatländern vielleicht Schlimmeres erlebt als diesen Einsatz der Rosenheimer Polizei. Aber: Hat man daran gedacht, welche Rolle schwer bewaffnete Polizisten in vielen Ländern spielen? Dass sie ein Teil der Schreckensregime sind, vor denen die Menschen fliehen? Dass Vergewaltigung und Folter oft auf das Konto der Polizei in diesen Ländern geht? Ist der Polizeiführung in Rosenheim bewusst, dass manche der Bewohner von Asylbewerberheimen durch derartige „Besuche“ der Polizei in den Herkunftsländern und auf der Flucht traumatisiert sind und eine Retraumatisierung lebensbedrohlich für sie und ihre Umgebung sein kann? Wird dadurch der Hausfrieden in der drangvollen Enge der Unterkünfte voraussichtlich besser? Ich denke nein. Da hülfe nur mehr Platz und Rückzugsraum für den Einzelnen. Wenn allerdings dieser offensichtlich anlasslose Großeinsatz als „behutsam“ bezeichnet wird, hat die Polizeiführung wohl noch viel zu lernen. Ganz abgesehen von der Verhältnismäßigkeit, die bei staatlichem Handeln immer eine Rolle spielen sollte. Pro Asylbewerber ein schwer bewaffneter Polizist – das ist nicht verhältnismäßig, gerade wenn man in Betracht zieht, dass Zweidrittel der Bewohner der Unterkunft Frauen und Kinder waren.
Angelika Graf
Rosenheim