Eine „Irre“ ohne Michelin-Stern

von Redaktion

Einen besseren Termin hätte sich Verena Lugert für die Lesung aus ihrem Buch „Die Irren mit dem Messer“ kaum aussuchen können, waren doch erst einige Tage vorher die begehrten Sterne vom „Guide Michelin“ an die deutschen Spitzenköche verliehen worden; wie in München der dritte an Jan Hartwig vom Restaurant „Atelier“ im Bayerischen Hof.

Aschau – Diesen hohen Anspruch stellte die professionelle Köchin und erfolgreiche Journalistin nie an sich. Von den Kochkünsten ihrer Tante inspiriert, war es jedoch ein langer Weg, der sie über Literaturstudium und Reportagen in aller Welt schließlich nach London führte, wo sie sich in der Elitekochschule „Le Cordon blue“ einem Super-Intensivkurs unterzog, unvorstellbare Strapazen und Erniedrigungen durchstand, um von der blutigen Anfängerin bis zum Mitglied in der „Bruderschaft der Irren“ aufzusteigen, wie die Autorin die Riege der Spitzenköche bezeichnet.

„Acht Stunden am Tag nur Gemüse schnippeln, um dann noch als Arschgesicht und Schlampe betitelt zu werden.“

Autorin Verena Lugert

Davon und der späteren Anstellung im Lokal des hochdekorierten Gordon Ramsey erzählte Verena Lugert ungeschönt und mitreißend und las dazu immer wieder Passagen aus ihrem Buch vor.

Unvorstellbar für die faszinierten Zuhörer, wie sie darlegte, in dieser Küche, „einem fensterlosen Stahlmonster“, einer unerbittlichen Köche-Hierarchie ausgeliefert zu sein, acht Stunden am Tag nur Gemüse zu schnippeln, um dann noch als „Arschgesicht“ und „Schlampe“ betitelt zu werden, als „waste of space“, also Raumverschwendung. Voller Hingabe versuchte sie den Zehn- bis 18-Stunden-Tag durchzustehen, der nur von einer Viertelstunde Pause mit Kelloggsbrei und Instantkaffee unterbrochen war.

Ihre Zweifel an dem Job wollte sie mit Erinnerungen an ihre Journalistentätigkeit beiseite schieben, wo sie – in allen Erdteilen unterwegs – beispielsweise in den sieben Jahren auf Bali inmitten von Wohlgerüchen und Blütenpracht auch so manchem Tiermonster die Stirn bieten musste.

Deshalb setzte sie sich zum Ziel: Zwölf Wochen wirst du in diesem Tempel der Irren aushalten, wirst Schweinsköpfen die Haut abziehen, die Augen ausdrücken, einen Blutpudding zubereiten, Hirnsuppe mit Dill, Kapern und Cornichons verfeinern, denn es war ja gerade hip, alles an Tierischem „from nose to tail“ zu verarbeiten. Sie absolvierte diesen Küchenhochleistungssport und ertrug etwa die Allüren des Bulgaren Damian und seine fortwährende Behauptung „Everything is shit“.

Allmählich lernte die Autorin aber auch die schönen Seiten in der Spitzengastronomie kennen, genoss „den unglaublichen Geschmack der Schweinskopfvorspeise“, freute sich über das gelungene Frittieren winziger Bärlauchblüten oder handgetauchter Jakobsmuscheln und erlebte ein großes Gefühl von Befriedigung, wenn von acht Leuten aus acht Tabletts in Windeseile ein lukullisches Kunstwerk zusammengestellt wurde. Noch mehr wollte die Autorin an diesem Abend über ihre Erfahrungen nicht verraten.

Beinahe überboten wurde ihre beeindruckende Verbindung von Schreib- und Kochkunst vom Buffet, das die Büchereileiterin Alexandra Markowsky zusammen mit ihrem Team vom Förderverein vorbereitet hatte und von den zahlreichen Besuchern begeistert angenommen wurde.

Artikel 10 von 11