Gars – Schnell leitete Christl Schwarzenbeck ihre eigene Mutter-Kind-Gruppe. Doch dass daraus der größte Anlaufpunkt für Eltern und Kindern in Gars wird, hat sie sich damals nicht vorstellen können. Inzwischen leitet die gelernte Kinderpflegerin und Zahnarzthelferin pro Woche drei Eltern-Kind-Gruppen. Zusätzlich findet zweimal wöchentlich die Flohkiste statt: eine Spielgruppe für Kleinkinder, die ohne elterliche Begleitung spielen, basteln und singen.
Außerdem bietet Schwarzenbeck Veranstaltungen am Wochenende und in den Ferien für Kinder, Erwachsene, Lehrer an – einfach alle, die mit Menschen zusammen arbeiten. Bekannt ist Schwarzenbeck dafür, dass auch Kinder und Erwachsene mit Behinderungen an den meisten ihrer Veranstaltungen teilnehmen können. Sie selbst hat eine Zwillingsschwester mit Beeinträchtigungen. Und auch ihr zweiter Sohn hat eine geistige Behinderung aufgrund von Sauerstoffmangel direkt nach der Geburt. „Ich wollte nach der Geburt meines zweiten Kindes wieder anfangen zu arbeiten. Eine Lösung, meinen Sohn gleichzeitig gut betreuen zu können, musste her. Das war gar nicht so einfach“, sagt die 50-Jährige. Ihr Mann habe ihr da Mut gemacht: Es werde sich schon etwas ergeben, sagte er ihr immer wieder. Zu den Eltern-Kind-Gruppen konnte sie ihren Jüngsten mitnehmen. Auch die anderen Veranstaltungen hat sie stets so ausgelegt, dass er dabei sein konnte.
„Meine Mutter hat unglaublich viel geleistet.“Christl Schwarzenbeck
Aufgewachsen ist Schwarzenbeck als Tochter eines Müllers in Au. Mitten auf dem Land entdeckte sie ihre Liebe zur Natur. Mit ihren zwei Schwestern musste sie mithelfen, Getreide und Mehl zu schleppen. Als in den 1970ern Ferien auf dem Bauernhof aufkam, hat die Familie dies aufgegriffen. „Meine Mutter hat unglaublich viel geleistet: Sie hat in der Mühle und Landwirtschaft geholfen. Gleichzeitig hat sie Gäste in Vollpension betreut“, berichtet Schwarzenbeck. Als ihr Vater Anfang der 1990er sein Geschäft aufgab, bauten Schwarzenbeck und ihr Mann die Mühle zum Wohnhaus um. Inzwischen ist die Mühle ebenfalls im Veranstaltungsprogramm des Kasterl Kunterbunt fest integriert: Als Treffpunkt für Bachwanderungen, Ausgangspunkt zum Bärlauch pflücken und Veranstaltungsort für Mittelalterfeste.
Kasterl Kunterbunt – so heißt das Angebot von Schwarzenbeck. Doch der Name entstand erst vor einigen Jahren: „Damals wollte ich meine erste Webseite erstellen. Ich habe nach einem geeigneten Namen für die Seite und damit auch für meine Angebote gesucht“, erklärt Schwarzenbeck. Auch ihre große Schwester hat sie dann fest in ihr Programm mit eingebunden. Diese arbeitet als Hauswirtschaftslehrerin an der Mittelschule in Gars. Sie begleitet unter anderem Teilnehmer bei den Koch- und Backkursen. Die gesamte Familie hat Schwarzenbeck in ihre Arbeit involviert: Vor jeder Bachwanderung gehen sie gemeinsam zum Beispiel die Strecke einmal ab, um umgefallene Bäume aus dem Weg zu räumen oder einen Ast abzusägen. Aktuell hat Schwarzenbeck Bausätze für Insektenhotels gekauft und probiert aus, ob alles gut passt. Oft vereinfacht sie dann etwas, damit es im vorgesehenen Zeitraum und für Kinder jedes Alters fertigzustellen ist. Sie übernimmt dabei immer wieder auch Ideen für die Schule. „Dabei steht im Vordergrund, dass die Kinder etwas lernen, zum Beispiel feinmotorische Fertigkeiten“, berichtet Schwarzenbeck. Doch das kann zu lange dauern. Also bereitet sie eine Schablone schon einmal daheim vor. „Ich zeige den Teilnehmern dann natürlich, wie sie mit der Bohrmaschine arbeiten. Aber der Spaßfaktor soll bei mir immer vorne an stehen.“
Inzwischen ist das Kasterl Kunterbunt in der Gemeinde Gars und dem Kreisbildungswerk in Mühldorf etabliert. Doch dies entwickelte sich langsam. Die „Flohkiste“ entstand vor wenigen Jahren auf Elternanfrage. Diese suchten ein Angebot für ihre Kinder, die bereits ohne Mutter bleiben konnten, jedoch nicht für eine komplette Woche in Krippe oder Kindergarten gehen sollten.
Dennoch fühlte sich Schwarzenbeck mit den Vormittagsveranstaltungen und den Ferienterminen nicht komplett ausgelastet: „Ich suchte nach einer neuen Herausforderung und hatte schon vor den Kindern beim Bauerntheater mitgemacht,“ berichtet sie. „Das hat mir viel Spaß gemacht, doch es war mir nicht nah genug am Menschen.“ Die Idee eines Krimi-Dinners kam auf: Ein Theater während eines Vier-Gänge-Menüs inmitten des Publikums. Doch wie alles, was Schwarzenbeck anfängt, sollte alles gut durchdacht sein: „Wir haben ein ganz eigenes Konzept erstellt.“ So ist im Jahr 2014 ein Stück in bayerischer Mundart entstanden. Das Schauspiel funktioniert ohne Leiche im Veranstaltungsraum, ohne Blut, ohne Pistolen. So verstarb das erste Opfer bei „Mord bei der Leich“ an einem vergifteten Getränk beim Leichentrunk auf dem Weg zur Toilette. „Mir war bei unserem Theater, das so nah am Publikum spielt, gleichzeitig immer wichtig, dass niemand der Zuschauer gezwungen wird mitzumachen“, erzählt Schwarzenbeck. „Man merkt schon, dass das einigen Besuchern unangenehm ist. Und wir möchten, dass sich alle wohlfühlen.“
Dennoch greifen die Schauspieler immer wieder Zwischenrufe auf. Auch lokale Besonderheiten binden die Darsteller ein – beispielsweise der Name des Ortsweihers, das nächste Krankenhaus oder den Bürgermeister. Nachdem die ersten beiden Dramen stets ausverkauft waren, entsteht inzwischen das dritte Stück. „Wir haben eigens einen Schreiber engagiert, der unsere Stücke schreibt“, berichtet Schwarzenbeck. „So kann sich jeder Akteur seine Rolle nahezu selbst aussuchen.“ Das sei einfacher als vorgegebene Charaktere umzusetzen. Premiere plant das Theaterteam für den Herbst 2018.