Waldkraiburg – In dem großen Saal im Seminarhaus, das zum Haus Sudetenland in Waldkraiburg gehört, tagt das Europaparlament: Liudmyla gehört zur euroskeptischen Fraktion, Anastasiia zur sozialdemokratischen, Anna ist Pressevertreterin der europäischen Zeitschrift Politico und Jonas ist Ministerrat. Sie und 25 weitere Studierende aus der Ukraine ringen gemeinsam mit Studierenden der Uni Regensburg im EU-Planspiel um Positionen. In der Teeküche werden Interviews geführt, im Flur werden in Kleingruppen Konzepte ausgearbeitet, hier wie dort wird debattiert.
Das Rollenspiel im Schullandheim ist Teil eines zweiwöchigen Programms für Studierende und Schüler aus der Ukraine. Eigentlich dauert das Programm nur eine Woche, aber der Besuch aus Odessa hat einen besonderen Hintergrund. Der Besuch findet im Rahmen des Gemeinschaftsprojektes „mehrWERT Demokratie“ statt, das aber eigentlich für Schullandheime konzipiert wurde, um Schülern die Idee der Demokratie näher zu bringen. Auch das Landschulheim Waldkraiburg ist hier aktiv: „Als das Bayerische Haus in Odessa ein Interesse an unserem Projekt für dortige Studenten anmeldete, wurde das bisherige Wochenprojekt mit Hilfe weiterer externer Unterstützung auf zwei Wochen ausgeweitet“, erklärt Leonhard Schleich, Leiter des Hauses Sudetenland.
Die Gruppe besucht unter anderem den Bayerischen Landtag, eine Firma, um soziale Marktwirtschaft kennenzulernen, es gibt das Planspiel zur Europäischen Gesetzgebung, einen Besuch der Uni Regensburg und des Waldkraiburger Gymnasiums, bei denen es um Mitsprachegremien in Bildungseinrichtungen geht. Selbst ein bayerischer Abend mit dem Trachtenverein Enzian aus Töging wurde zur Völkerverständigung aufgelegt.
Dass es hier nicht um abstrakte und abgehobene Diskussionen geht, sondern um den Alltag, erklärt Evgenia Juzist, die als Übersetzerin die Gruppe begleitet: „Rente? Gehalt? Urlaub? Vieles ist unsicher und nicht planbar bei uns. Und wenn man den ganzen Tag damit beschäftigt ist, wie und von was man den Monat leben kann, hat man wenig Energie und Zeit, etwas zu verändern. Aber genau das ist notwendig, um überhaupt erst Perspektiven zu schaffen.“ Statt auf irgendjemanden zu setzen, darauf zu warten, dass einer kommt und etwas ändert, müsse man selbst die Initiative ergreifen, kleine Projekte organisieren und eigene Ideen vorantreiben: „Wir haben großes Potenzial, es gibt viele junge, kluge Menschen bei uns. Aber es fehlt das Gefühl, gemeinsam etwas bewegen zu können.
„Man kann sich viele Gedanken über das System machen, aber all das nützt nichts, wenn es keine Menschen gibt, die eine politische Kultur leben können.“
Vasyl Popkov, Politologe von der Universität Odessa
Und das würden viele gern, so wie Anna Bohdanova. Die 21-Jährige studiert Umweltwissenschaften. Sie möchte sich mit den ökologischen Problemen ihres Landes befassen: „Dafür müssen wir aber in einem größeren Kontext denken, uns nicht nur um die eigenen Probleme, um die Familie kümmern.“
Und das Rollenspiel? Am Ende schwirrt ihnen der Kopf vom vielen Diskutieren und Abstimmen, vom Versuch, viele Meinungen unter einen Hut zu bringen. „Demokratie ist anstrengend, aber enorm wichtig“, fasst Barbara Arweck von der Valentum Kommunikation aus Regensburg das Feedback der Studierenden zusammen. Sie hat das EU-Planspiel mit durchgeführt: „Es ist die erste Generation in der Ukraine, die eine Chance hat, Demokratie zu gestalten.“
Wie notwendig das ist, bestätigt Professor Vasyl Popkov, der die Gruppe begleitet. Der Politologe der Universität Odessa ist ein graumelierter älterer Herr, ernster Blick, der sehr sorgfältig überlegt, bevor er antwortet. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Übergang totalitärer Systeme in ein demokratisches System. Die Ukraine ist ein junger Staat, Demokratie vom Volk erwünscht, aber nicht wirklich etabliert: „Man kann sich viele Gedanken über das System machen, aber all das nützt nichts, wenn es keine Menschen gibt, die eine politische Kultur leben können.“ Ohne eine Streitkultur etwa könnten die tiefen Meinungsgräben, die die Menschen in der Ukraine spaltet, nicht gelöst werden.
Organisiert hat den Austausch Swetlana Bogdanova vom Bayerischen Haus in Odessa: „Die Zukunft liegt in den Händen dieser jungen Menschen. Es ist wichtig, dass sie an konkreten Beispielen Instrumente kennenlernen, wie Demokratie funktionieren kann.“ Denn obwohl in der Ukraine Demokratie die gewählte Staatsform ist, könne von einer Macht des Volkes keine Rede sein.
Mitbestimmung gebe es nicht wirklich. Demokratische Werte wie etwa Pressefreiheit gebe es zwar offiziell, aber wie soll die funktionieren, wenn die Medien in der Hand weniger Oligarchen liege? Um überhaupt erst einmal ein Bewusstsein für Demokratie zu schaffen und zu zeigen, wie Freiheit, Mitbestimmung und Vielfalt aussehen kann, ist Ziel dieser Reise. (Siehe auch Umfrage)