Waldkraiburger Wochenschau

Kompromisse erwünscht

von Redaktion

Junge Menschen aus der Ukraine kommen jedes Jahr nach Waldkraiburg, um Demokratie zu lernen. Dahinter steckt das Projekt „mehrWert Demokratie“, das dazu einlädt, in Schullandheimstandorten mit der Materie zu experimentieren. In Waldkraiburg taten das nun Studierende aus Odessa gemeinsam mit Studenten der Uni Regensburg im gemeinsamen EU-Planspiel. In der Ukraine ist Demokratie vom Volk erwünscht, aber noch nicht wirklich etabliert. Von uns Deutschen wollen sie lernen.

Im ersten Moment ein schöner Gedanke. Dann wird er schal – denn was mögen sich die ukrainischen Gäste denken, wenn sie das unwürdige Kasperltheater, genannt „Jamaika-Sondierung“, anschauen? Wenn bereits im Vorfeld die eine Volkspartei keine Lust mehr hat, weil sie vom Wähler abgewatscht wurde und die andere Volkspartei die Watschn entweder nicht spüren wollte oder jetzt schon wieder verdrängt hat? Und dann die kleinen bunten Parteien – die einen gesprächsbereit, die anderen nicht mehr. Nach fast fünf Wochen Sondierung in einer Art Mehrgenerationen-WG haben wir noch keine Regierung. Wirkt nicht sonderlich stabil und souverän nach außen. Und dazu die drohenden Neuwahlen, weil die GroKo erst vom Tisch war, denn wieder doch nicht – aber nur, weil die anderen nicht mehr wollen.

Neuwahlen – die über 90 Millionen kosten, bei aller Alters- und Kinderarmut im Land ist so etwas nicht jedem vermittelbar. Und der Wähler? Hat im September gewählt, Punkt. Die Großkopferten können oder wollen diesem Wunsch nun aber nicht entsprechen. Für die Ukrainer mag der Eindruck bleiben, die Deutschen wählen halt einfach so lange, bis das rauskommt, was die Verantwortlichen haben wollen. Aber kommt dann auch das raus? Oder werden die Verhandlungsabbrecher rausgekickt, weil der Wähler enttäuscht ist? Die Schwarzen und die Roten nochmal drastisch verlieren und der rechte und linke Rand wachsen? Ist die Ära der Volksparteien dann vorbei? Ja, auch das ist in Deutschland möglich und oft hört man „Demokratie muss sowas aushalten“. Wie auch immer dieses Hick-Hack ausgeht, ausbaden muss es am Ende der Bürger. Wie übel, das steht noch in den Sternen. Und auch das gehört zur Demokratie: Man muss leider mit dem kleineren Übel zufrieden sein.

Kompromisse schließen zu können, ist eine Kunst. Und die kommt von „Können“. Kommen wir zur nächsten Frage: Können Aschau und Waldkraiburg interkommunale Zusammenarbeit im großen Stil? Die Vision vom gemeinsamen Schwimmbad, wo sich Investition und Unterhalt auf zwei Gemeinden aufteilen, war Thema in der Bürgerversammlung in Aschau. 8,5 Millionen Euro für einen Neubau stehen im Raum – ähnlich viel dürfte die Sanierung des maroden Waldbades kosten. Wenn Waldkraiburg sich den kleinen, reichen Partner ins Boot holt, wäre das ein genialer Coup, sofern Waldkraiburg gut verhandelt. Mit wie viel Geld das Nachbardorf einstiege, hängt logischerweise auch vom Verhältnis der Einwohnerzahl beider Orte ab. Die Idee, an der Ortsgrenze gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, anstatt dass jede Kommune ein eigenes Bad stemmen muss, ist fortschrittlich und begrüßenswert.

Dass Waldkraiburger und Aschauer gut miteinander harmonieren können, zeigt so mancher Verein. Ein gutes Beispiel diese Woche in unserer Zeitung war die Trachtlerfamilie Huber aus Hausing, die zu den Stoabachern gehört. Dass der Papa, der Ludwig, ein Walkraiburger ist, hätten viele nicht gedacht. Der ging allerweil leicht als Aschauer durch.

Die Aschauer sind traditionsbewusste Leute, das Vereinsleben wird gepflegt. Hier ist man Trachtler oder Rosserer oder aber Fußballer. Und auch beim Fußball in der Nachwuchsarbeit hat man sich mit Waldkraiburg zusammen getan und den FC Bavaria Isengau gegründet, an dem auch Weidenbach beteiligt ist. Um Synergieeffekte zu nutzen und in allen Altersklassen das Angebot aufrecht erhalten zu können. Wo wir wieder beim Schwimmbad wären.

Dieses Angebot möchte Aschau seinen Bürgern auch bieten. Bisher war das Ringen um einen möglichen Standort für ein Naturbad im Dorf nicht fruchtbar. Und die Waldkraiburger hängen so an ihrem Waldbad, dass sich die Stadt dringend was überlegen muss. Trotz Schuldenberg und angespannter Finanzsituation kann man Waldkraiburg nicht rein für die Asketen gesund sparen. Der Ort muss lebendig bleiben, dazu gehört auch das gesellschaftliche Leben, die Kultur, der Sport, die Bildungseinrichtungen und etwa Freizeitangebot. Das Volk will und braucht auch Brot und Spiele. Um es philosophischer und mit den Worten von Hans Christian Andersen zu sagen: „Leben ist nicht genug, sagte der Schmetterling. Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu.“

Andrea Klemm

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