Aktuelles Interview

„Trocken bleibst du nicht von allein“

von Redaktion

Sein Leben packte er irgendwann nur noch mit einem gewissen Alkoholpegel: Christian P. aus Mühldorf. Der 44-Jährige ist trockener Alkoholiker und arbeitet seit sieben Jahren in der AWO-Radlwerkstatt. Die ist sein Anker, gibt ihm Struktur.

Waldkraiburg – 15 Stunden pro Woche arbeitet Christian P. in der Radlwerkstatt der AWO. Das Zuverdienstprojekt ist seit sieben Jahren Anlaufstelle des Frührentners, der gelernter Versicherungskaufmann ist.

Wie kommt ein Versicherungskaufmann zum Radl richten bei der AWO?

Weil i gsuffa hab! Durch den Alkoholismus und eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung wurde ich erwerbsunfähig und bin verrentet. Hier kann ich mir in 15 Stunden die Woche etwas dazu verdienen.

Warum haben Sie angefangen zu trinken?

Das Unternehmen, bei dem ich in München arbeitete, wurde aufgekauft. Ich hatte Probleme im Job und auch privat. Irgendwann kommt alles zusammen, man macht Murks und dapackt alles nur noch, wenn man einen bestimmten Pegel hat. Ich erschien nicht mehr in der Arbeit. Ja, der Suff hat Gründe. Aber ab einem bestimmten Stadium sucht man sich auch Gründe, das ist ein typisches Suchtmerkmal.

Wie sind Sie diesem Kreislauf entkommen?

Nach meiner ersten Therapie wurde ich rückfällig. Man kann sagen, dass ich nicht mehr lebensfähig war. Der Schnaps verursachte eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung. Von Amtswegen bekam ich von 2006 weg einen Betreuer, den ich sechs Jahre hatte. Seit ein paar Jahren komme ich ohne aus. Meine zweite Therapie folgte 2008 bis 2010 in Weiß – seither bin ich trocken.

Wie ging es weiter?

Nach der Therapie lebte ich im betreuten Einzelwohnen der Caritas. Alles ging wieder von Null los, mein ganzes Leben.

Sie sagen, die Radlwerkstatt ist Ihnen ein Anker, gibt Ihnen Struktur.

Ja, hier hab ich mein Leben wieder so in den Griff gekriegt, dass ich den Betreuer nicht mehr brauche. Ich hab es so auf der Reihe, wie man es halt auf der Reihe haben kann (lacht). Und ich bin in einer Beziehung.

Weiß ihre Partnerin um Ihre Vorgeschichte?

Ja, sie ist selbst alkoholkrank. Und wird manchmal rückfällig.

Zieht Sie das nicht mit runter und gefährdet Sie auch?

Jeder muss selbst wissen, was er sich zumuten kann, was er aushalten kann. Wenn ich weiß, was mir guttut und was nicht, welche Belastung ich – auch im Job – packen kann, ist das gut für mich. Trocken bleibt man nicht von allein. Du musst kapieren, dass du dein Leben nach der Krankheit ausrichten musst. Priorität Nummer eins: nichts trinken, sonst geht dein Leben wieder den Bach runter. Und du musst dein Leben so ausrichten, dass du nichts trinkst. Also überleg dir, was geht – beruflich und privat – und was nicht.

Das heißt, würden Sie wieder in den ersten Arbeitsmarkt einsteigen und sich überfordern, wären Sie rückfallgefährdet?

So ist es. Und ich bin mir dessen bewusst.

Wird es irgendwann leichter, das Verlangen zu trinken?

Je länger man trocken ist, desto einfacher wird es, man entwickelt eine gewisse Souveränität. Aber man darf sich nicht zu sicher oder gar sorglos werden.

Wie gehen Sie hier bei der AWO mit Ihrer Geschichte um, wie ist die Atmosphäre?

Hier drin läuft es sehr entspannt, das ist die exakt richtige Umgebung für mich. Vielen Kollegen hier, die auch betroffen sind, geht der Satz „Ich bin Alkoholiker“ nicht so leicht über die Lippen, weil es als Stigma gesehen wird. Aber dass ich das akzeptiere, erleichtert mir das Ganze sehr.

Worin unterscheidet sich das Zuverdienstprojekt von Jobs des ersten Arbeitsmarktes?

Es ist ein Projekt. Leistungsdrill gibt es nicht. Jeder Mitarbeiter wird individuell angeschaut, was er leisten kann und nicht in ein Schema gepresst. Hätschelton herrscht hier aber auch nicht, es geht schon mal rau zu (lacht). Und der Chef lässt sich nichts raushängen, legt kein autoritäres Gehabe an den Tag; sehr angenehm.

Sie waren früher Schreibtischtäter im Anzug – heute schrauben Sie mit schmutzigen Händen in der Werkstatt herum. Wie schaffen Sie den Spagat?

Mit Werkzeug konnte ich schon immer umgehen. Aber hier drinnen kann man schon was lernen. Die Tätigkeit ist nicht anspruchslos, ist ja schließlich ein Ausbildungsberuf.

Habt Ihr im Winter weniger Arbeit in der Radlwerkstatt?

Im Sommer reparieren wir für Kunden. Im Winter sollen wir alte Räder aufmöbeln zum Wiederverkauf. Das ist allerdings ein mühsames Geschäft, das Herrichten lohnt sich oft nicht. Und der Gebrauchträdermarkt ist leer gefegt. Die Flüchtlingshilfe sucht ja auch händeringend Räder. Früher bekam die AWO oft alte Räder geschenkt, das hat leider sehr nachgelassen.

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