Aschau/Schliersee – „Wenn unsere bayerischen Gäste merken, dass ich nicht aus Deutschland stamme, versuchen sie hochdeutsch zu reden“, lacht der 21-jährige Ägypter, der als koptischer Christ in seiner Heimat verfolgt wurde und fliehen musste.
In Ägypten erwarten ihn Verfolgung
und Knast
„Würde er jetzt nach Ägypten zurückkehren, müsste er wegen seiner Flucht erst mal drei Jahre ins Gefängnis und dann zum Militärdienst“, erklärt Bernhard Dietzel vom Integrationsdienst, der ihn in Waldwinkel betreute und seinen Schützling auf der Alm besuchte und ihn zuvor zum Vorstellungsgespräch begleitete.
Gadalla ist anerkannter Flüchtling, hat einen Aufenthaltstitel und eine feste Anstellung auf der Schliersbergalm, die er als „schick“ bezeichnet, schließlich hat sie eine eigene Seilbahn, eine Sauna und ein Freibad.
Lederhose ja,
Bairisch nein
„Anfangs war ich schüchtern, aber ich mag die Arbeit mit Menschen und ich frage viel, bevor ich was falsch mache“, berichtet der junge Mann in sehr gutem Deutsch; Bairisch versteht er inzwischen auch ganz gut. So gut, dass er die Klassiker auf der Speisekarte den internationalen Gästen auf Englisch und den arabischen Gästen auf Arabisch übersetzt.
Beim Wiener Schnitzel erklärt er ihnen dann, dass das paniertes Kind von der Kuh ist. Schwierig wird es beim Kaiserschmarrn (auf Englisch wäre dies unsinnigerweise „Emperor’s Nonsens“, Anm. d. Red.) oder den Kässpatzen. „Manche Dinge kann man nicht übersetzen, da erklär ich dann lieber die Zubereitung“, lacht Gadalla.
Was ihm auch auffällt: Die arabischen Gäste, freuen sich über Sturm, Schnee und Schnürlregen und stellen sich dann raus ins Freie.
Der junge Mann hat sich auf der Alm gut eingearbeitet, Bestellungen nimmt er mit dem Orderman, der ähnlich wie ein Smartphone aufgebaut ist, entgegen. Kassieren darf er inzwischen auch schon.
Eigentlich hätte Gadalla das Zeug zur dreijährigen Ausbildung als Hotel- oder Restaurantfachmann gehabt, dann hätte er noch ein Jahr Lehre dranhängen müssen. Das Hardthaus in Kraiburg machte ihm dazu ein entsprechendes Angebot. Aus wirtschaftlichen Gründen entschied er sich dagegen, wie Dietzel erklärt.
Als umF (unbegleiteter minderjähriger Flüchtling) bekam er kein Lehrlingsgehalt, weil ja die Unterbringung und die Ausbildung Geld kosten. „Ein Leben mit 102 Euro Taschengeld ist ein schmales“, so Dietzel. Gadallas Entscheidung sei mutig – auch, weil er den Berufsstart ohne seine Familie wagt. Ursprünglich wollte der junge Mann nach Gelsenkirchen zu seinem Bruder und dessen Familie. Doch im Ruhrpott gibt es zu wenig Jobs. Jetzt merkt er, dass es ganz gut ist, auf den eigenen Beinen zu stehen.
Das Rüstzeug für sein Überleben im Gastgewerbe sammelte er durch Praktika, etwa in der Bastei Mühldorf, der Pizza Centrale Waldkraiburg und dem Hardthaus.
In dem gehobenen Lokal in Kraiburg habe man sich toll gekümmert, und trotz Stress habe man ihm viel beigebracht, auch wie man eine feierliche Tafel eindeckt und dazu weiße Handschuhe trägt. Das kann er auf der Alm mit Hotel auch brauchen, denn hier gibt es zum Beispiel einen Hochzeitspavillon. Er bedient nicht nur in Kellner-Uniform mit Weste, sondern auch in Lederhose. Zum Bayern wird er deswegen noch lange nicht. Da schmunzelt Dietzel, denn sein Schützling versteht Angaben wie „oa Oa oder zwoa Oa“ bei einem Kuchenrezept etwa, nicht. „Was ist denn das bitte für eine Sprache“, fragt der junge Ägypter. „Die Ägypter vernuscheln das Arabische viel schlimmer, als die Bayern das Deutsche“, kontert Dietzel. „Das stimmt“, lacht Gadalla.
Arabisch ist seine Muttersprache. Und mit dem Zug hat er nur 50 Minuten nach München. Da gibt es eine koptische Gemeinde, die Gottesdienste auf Arabisch abhält – ein Stückchen alte Heimat, Mitten in Bayern.