Weihnachten kann man mögen, muss man aber nicht. Ereignisse, die zur negativen Konditionierung führten, gibt es bei den Weihnachtsmuffeln sicherlich mehr als genug. Oben drauf: Wenn man sich umschaut, macht sich in der Vorweihnachtszeit diese beinahe unerträgliche Heuchelei breit. Und dann, den Nächsten zwei Tage von 365 zu lieben – das ist mir ein allzu billiger Ausweg aus der Lieblosigkeit. Genauso, wenn die Deutschen sich ein Kripperl unter den Baum stellen und sinnlos süße Lieder intonieren. Und manche leicht vergessen, dass sie das heilige Paar feiern, die bekanntesten Flüchtlinge, die es gibt. Und dann aber gern der alternativen drittstärksten Kraft in der Politik das Wort reden.
Viele müssen zu Weihnachten auch ihr schlechtes Gewissen beruhigen, weil sie sich plötzlich an Menschen erinnern, die sie geflissentlich das ganze Jahr verdrängen. Und dann die Sache mit dem Konsum. Ja, Schenken ist schön. Aber zu Weihnachten werden am meisten die beschenkt, die ohnehin am meisten haben; und am wenigsten die, die es am nötigsten hätten.
Dieses Ungleichgewicht nervt. Vor allem, wenn man sich ein bisschen aufmerksam in der Gesellschaft umschaut. Soziale Not ist selbst hierzulande groß, auch wenn die Großkopferten so vollmundig sagen, dass wir in Deutschland Vollbeschäftigung haben und ein Wirtschaftsmotor sind. Das Thema Altersarmut wurde auch im Wahlkampf zu wenig thematisiert. Gerade jetzt, wo die Gewählten es einfach nicht schaffen, eine Regierung zu bilden, fragt man sich schon, für wen oder was hier Politik gemacht wird. Für den kleinen Mann eher nicht, vielmehr für den Elfenbeinturm, wo alle nur noch in ihrem eigenen Saft schmoren.
Umso schöner ist es, wenn etwas passiert, das einem Weihnachtsmuffel wie mir Weihnachten rettet und mich mit den Menschen und der Menschlichkeit wieder versöhnt. Ein privater Aufruf auf Facebook, ein paar alleinstehenden, einsamen und armen alten Leuten zu helfen, hat etwas in Gang gesetzt. Der VdK wusste von ein paar Männern und Frauen, die Unterstützung dringend gebrauchen können – auch, weil sie kein Geld haben, um ihren Enkeln ein Weihnachtsgeschenk zu machen. Oder sich einen Friseurbesuch nicht leisten können, keine warme Kleidung besitzen oder einfach so knapp bei Kasse sind, dass sie ab dem 20. des Monats buchstäblich am Hungertuch nagen. Im ach so reichen Deutschland.
Zig Wildfremde und auch Freunde lasen den Aufruf und brachten Einkaufsgutscheine, Spielsachen, Kleidung und etwa auch Restaurant-Gutscheine in die Redaktion, die kurzerhand zur Spendenzentrale wurde. Das Kino stiftete Eintrittskarten für einen Opa und seine Enkel. Eine liebe Aschauer Friseurin erklärte sich bereit, der alten Dame die Haare zu schneiden. Eine Freundin und ihr Mann wollten für 50 Euro was Gutes tun und besorgten in den Hubertusstuben zwei Restaurantgutscheine. Als die Wirtsleute hörten, worum es geht, gaben sie ihr zwei 25-Euro-Gutscheine und wollten dafür nur insgesamt 20 Euro haben. Da war mein Weihnachten endgültig über den Berg.
Die restlichen 30 Euro wurden in Supermarkt-Gutscheine verwandelt. Lydia Distler, die im Sommer die Aktion „Geben und Nehmen in Waldkraiburg“ ins Leben rief, brachte auch noch Wertmarken für Metzgerei und Bäckerei – die ja auch schon von Waldkraiburger Bürgern bezahlt wurden. Und dann erst die Reaktion der Beschenkten, die nichts davon ahnten, als ich an ihrer Tür klingelte. Unbezahlbar!
Ähnliches kann der SPD-Ortsverein berichten. Seine Wunschbaum-Aktion im Haus der Kultur wurde gut angenommen. Bürger durften Wünsche im Wert von bis zu 30 Euro aufhängen. Wer wollte, konnte sich einen Wunsch nehmen und erfüllen. Auf einem Wunschzettel stand „Socken und was zum Duschen“. So ein bescheidener Wunsch, der berührt und gleichzeitig traurig macht. Auch die Realschule hat gemeinsam mit Dagmar Greck (aufsuchende Sozialarbeiterin) wieder eine Weihnachtspackerl-Aktion gestartet und Wünsche erfüllt. Wer von Grundsicherung leben muss, krank oder Frührentner ist, fristet nicht selten ein karges Leben. Umso schöner, wenn diese Menschen nicht vergessen werden. Das wissen auch die Weihnachtsengel von Sterntaler, die Familien und Kinder in Not auch an Weihnachten nicht hängen lassen. Und die Stadt leistet ihren Beitrag ebenfalls und bedenkt Menschen, die nicht viel haben, aus dem Sozialfonds. Um nur einige Aktionen zu nennen.
Bürgermeister Robert Pötzsch sieht die Notwendigkeit für solche Aktionen und sagt, er würde sich freuen, wenn man diese Schiene ausbauen könnte. Ich mich auch. Warum nicht einen Schritt weiter denken und etwas an Heiligabend auf die Beine stellen? Ein offenes Haus mit Verköstigung der Einsamen, der Alleinstehenden, Alten oder Jungen, die nicht viel haben oder einfach derer, die gern unter Leuten sind und denen daheim die Decke auf den Kopf fällt. Im Kleinen gibt es vereinzelt Angebote, die leider viele nicht erreichen. Doch der Bedarf ist da. Wer Ideen hat: immer her damit!Andrea Klemm