„Du hast die Haare schön.“ Auch wenn dieser Song beim Inthronisationsball der Faschingsgesellschaft Waldburgia nicht zu hören war, gepasst hätte er. Denn sie hatten die Haare schön, und wie! Schließlich hatten die Waldkraiburger Narren aus eben diesem Grund den Ball um einen Tag – auf Freitag – vorverlegt. Ihren Damen zuliebe! Am Samstag war Feiertag und die Friseursalons geschlossen.
Fasching in Waldkraiburg – und die Frisur hält! Bleibt die Frage: Wie haben die Kraiburger und vor allem die Kraiburgerinnen das nur hingekriegt? Die Narrengilde hat ihren Ball nämlich am Samstag durchgezogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Einfach so…
Kein Fall für filigrane Hairstylisten ist das nächste Thema. Beim „freiraum 36“ sind vielmehr Leute gefragt, die sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Dieses Kunststück wird den Vereinen abgefordert, die im Stadtbau-Gebäude an der Aussiger Straße keine Zukunft haben.
Fakt ist: So viel Charme dieses Provisorium hat, der „freiraum 36“ wäre wie ein Fass ohne Boden. Selbst mit einer halben Million wären längst nicht alle Probleme zu lösen. Und so verständlich die Enttäuschung der Vereine ist: Die Stadt kann ihnen kein zweites Haus der Vereine bieten. Das ist keine Frage des guten Willens. Die Zeiten, da das Rathaus sogar Faschingsbälle subventionierte, sind unwiederbringlich vorbei.
Nun ist von einer Zusammenkunft der Mieter in dieser Woche noch kein entschlossenes Signal ausgegangen, die tolle Idee vom „freiraum“ weiter mit Nachdruck zu verfolgen. Doch immerhin: Die Vereine haben die Flinte nicht ins Korn geworfen, frei nach dem Motto: Rette sich, wer kann! Und: Es gibt endlich Klarheit. Die Zeit der vagen, trügerischen Hoffnungen ist vorbei. Auch das könnte neue Kräfte wecken. Die braucht es, um vielleicht doch Sponsoren zu überzeugen und letztlich auch die Stadt, beziehungsweise Stadtbau für Kooperationen zu gewinnen, die bislang noch gar nicht auf dem Tisch lagen.
Mehr Optimismus, Mut zu Visionen, zur Veränderung! Ist es ein Zufall, dass dieser Appell oft von draußen an die Waldkraiburger herangetragen wird? Dass – ein aktuelles Beispiel – der neue Stadtbau-Geschäftsführer sich darüber wundert, warum die Skepsis so verbreitet ist in einer Stadt, in der er doch so viele Potenziale und Chancen sieht. Während manch Einheimischer, Alteingesessener ein Haar nach dem anderen in der Suppe findet. Ob das die Haltung ist, die eine Stadt wie Waldkraiburg voranbringt? Oder selbstzerstörerisch, weil es jede Eigeninitiative lähmt? Das darf man sich gerade an einer Jahreswende ruhig einmal fragen.
Zur Jahreswende gehören in Waldkraiburg traditionell die aktuellen Zahlen aus der Bevölkerungsstatistik. Sie sind – aus vielen Gründen – aufschlussreich. Mehrere Trends werden da fortgeschrieben: Waldkraiburg wächst wieder. Erstmals seit zwei Jahrzehnten wurde 2017 die 25000 Einwohner-Marke übertroffen. Und: Die Zahl der Kinder aus dem Geburtsjahrgang ist erneut gestiegen, auf einen Wert, den es seit den 1990er-Jahren nicht mehr gab. Nicht nur da zeichnen sich neue, große Herausforderungen für die Stadt ab, etwa im Bereich der Kinderbetreuung.
Wie im gesamten Freistaat gehen diese Trends auf Zuzug zurück, der nicht allein, aber doch zu einem großen Teil aus dem Ausland kommt, vor allem von EU-Arbeitnehmern aus dem Osten und zuletzt wieder von Asylbewerbern, die aus anderen Erstaufnahme-Einrichtungen nach Waldkraiburg kamen. Der Ausländeranteil ist – wie in ganz Bayern – leicht angestiegen. Auf durchschnittlich 21,8 Prozent.
Dass dieser Anteil in den einzelnen Altersgruppen von 15 bis Mitte 40 bei über 35 Prozent liegt, deutet an, vor welchen Herausforderungen diese Stadt und ihre Bürger immer wieder im Hinblick auf das Thema Integration stehen, zeigt aber ebenso, wie dieses Zusammen-, Mit- und Nebeneinanderleben ohne größere Störungen und Verwerfungen bereits funktioniert. Und auch das wird deutlich: Die statistische Überalterung der Stadt, die demografische Schieflage, wäre schon jetzt viel dramatischer ohne Zuzug.
Haarsträubend – da hilft kein Friseur mehr. So mögen viele Leser in dieser Woche die Nachrichten über die Probleme mit einzelnen Kindern und Eltern (!) in der Aschauer Nachmittagsbetreuung empfunden haben. Ein Verhalten, das ganz gezielt die Autorität von Lehrern untergräbt, das Ehrenamtliche, die sich in der Schülerbetreuung einbringen, so frustriert, dass sie am liebsten hinwerfen würden, ist nicht hinzunehmen. Es spricht für Bürgermeister und Gemeinderat, dass diese Probleme so offen und klar angesprochen wurden. Sie sind Realität, beileibe nicht nur in Aschau. Hans Grundner