Waldkraiburg – Besonders hart hat es eine 51-jährige Frau getroffen, die mit ihrer 26-jährigen Tochter und ihrem schwerbehinderten 49-jährigen Bruder eine Wohnung in der dritten Etage bewohnte.
Telekom lässt Betroffene nicht aus ihrem Vertrag
„Mein Bruder ist halbseitig gelähmt, zum Glück war er gerade auf Reha, als der Brand ausbrach“, berichtet die kaufmännische Angestellte und spricht von „Glück im Unglück“. Er konnte zwei Wochen länger in der Klinik bleiben, weil sein Zuhause verbrannt ist. Mitte April holte ihn ein Verwandter aus Bukarest vorübergehend zu sich; seine Schwester und seine Nichte kamen nächteweise bei Freunden oder in einem Hotel in Mühldorf unter.
„Besonders bitter ist, dass mein Bruder in Rumänien keine Leistungen mehr bekommt und nicht mehr krankenversichert ist. Das ist eine Katastrophe in seinem Zustand“, sagt die 51-Jährige. Sie habe nun ein Zimmer gefunden und bewohnt das mit ihrer Tochter. „Solange ich keine richtige Wohnung habe, kann ich meinen Bruder nicht zu mir holen.“ Die von der Stadt vorgeschlagenen Wohnungen passten nicht, wie sie sagt. Natürlich würde sie nach Mühldorf, Aschau, Kraiburg oder in die nähere Umgebung ziehen.
Jetzt kommt noch der Ärger mit der Telekom obendrauf, die sie erst nächstes Jahr aus ihrem Vertrag lassen will. Sie ärgert sich. „Seit April war ich nur mit der Alditüte unterwegs und soll Telefonrechnungen zahlen, für einen Anschluss in einem ausgebrannten Haus“, sagt sie kopfschüttelnd.
Frau muss sich Kleidung von
Tochter leihen
„Vier Wochen waren wir obdachlos“, berichtet ein junger Mann. Seine Familie – insgesamt fünf Personen – kroch in dieser Zeit bei Freunden unter und war auf vier Wohnungen verteilt. Endlich habe man eine Wohnung in Waldkraiburg am Stadtplatz gefunden, so der 22-jährige Kinderpfleger.
Er hatte keine Chance auf eine Sozialwohnung, alle Unterlagen, Papiere wie Geburtsurkunde, waren verbrannt und musste neu beantragt werden, was noch andauert. Die Wohnungseinrichtung war komplett zerstört, bis auf ein paar Kleingeräte konnte die Familie nichts retten.
Ein 35-jähriger Familienvater kam für zwei Wochen in einem kleinen Apartment im BFZ Peters unter. „Sonst wär ich mit meiner Frau und meinem Kind auf der Straße gestanden. Die Stadt hat uns da geholfen, da bin ich dankbar.“ Im Internet fand er endlich eine passende Wohnung in Aschau.
Keine neue Bleibe hat eine 51-jährige Frau, die im vierten Stock wohnte. Sie ist erstmal bei einer Bekannten untergekommen. Von ihrem Hab und Gut ist nichts mehr übrig, nicht mal ein Kleidungsstück. Sie leiht sich Klamotten ihrer erwachsenen Tochter. Weil sie bei der SGF arbeitet und zu viel verdient, um Anspruch auf eine Sozialwohnung zu haben, muss sie auf dem freien Markt schauen. „Sie ist allein und kann sich nichts Teures leisten“, sagt ihre Tochter.
Gebäudeversicherung zahlt nicht für die zerstörte Einrichtung
Die Stadtbau hat einem 43-jährigen Produktionsmitarbeiter, der im zweiten Stock mit seiner Frau und zwei Kindern lebte, eine Wohnung anbieten können. Alles was er tragen konnte und was nicht mit Wasser vollgesogen war, hat er gepackt und in den Kofferraum seines Wagens gesteckt.
Viel war es nicht, was er retten konnte. Besonders traurig für den Nachwuchs: Das gesamte Spielzeug war durch den giftigen Rauch nicht mehr brauchbar und musste auf Anraten der Feuerwehr weggeschmissen werden. Ebenso Kleidung, Möbel und Teppiche.
Für die Kinder war die Situation hart, die Familie brachte sie über Ostern zur Oma nach Polen. „Zum Glück gingen unsere Papiere nicht kaputt“, so der Waldkraiburger.
Inge Schnabl, Dritte Bürgermeisterin, die gemeinsam mit Behindertenbeauftragter Stephanie Pollmann sowie den jungen engagierten Männern Silvian Hiemesch und Patrick Merkel mit Brosch-Inhaber Sebastian Mayerhofer, eine Charity-Veranstaltung für die Brandgeschädigten auf die Beine stellte (wir berichteten), will sich darum kümmern, dass die Kinder wieder Spielsachen und Kleidung bekommen und über den Verein Sterntaler Gutscheine organisieren.
Patrick Merkel sagt, gleich nach dem Brand sei die Hilfsbereitschaft groß gewesen. Jedoch sei es in der öffentlichen Wahrnehmung fälschlicherweise zu dem Eindruck gekommen, „alles ist jetzt geregelt. Manche stehen nach wie vor auf der Straße und haben nichts mehr.“ Er appelliert weiterhin an die Spendenbereitschaft der Bürger.
Inge Schnabl berichtet von Bürgern, die Sachspenden, etwa gut erhaltene Möbel und Elektro-Geräte kurz nach dem Brand bei ihr oder der Stadt abgeben wollten. „Das ist lieb gemeint, nur, wohin sollen die Sachen, wenn die Menschen keine Wohnung haben“, sagt sie. Nach wie vor wird Ausstattung gebraucht, doch zuerst brauchen alle eine Bleibe.
Die Firma Körber habe sich angeboten, dann günstige Möbel kostenlos zu liefern. „Jetzt müssen wir klären, wer die Entsorgung der alten, zerstörten Einrichtungen bezahlt“, so Schnabl.
Das ist das Stichwort für einen Betroffenen, der enttäuscht ist von der Hausverwaltung und der Gebäudeversicherung des Mietshauses. „Die Gebäudeversicherung sagt, sie muss nicht für unsere Einrichtung aufkommen, dafür gebe es eine Hausratversicherung“, berichtet er und fühlt sich im Stich gelassen.
Patrick Merkel ergänzt, dass nur vier Parteien der 15 Parteien im Gebäude eine Hausratversicherung hatten. „Die warten auch erstmal auf ihr Geld, weil es noch keine Schadensnummer gibt, da die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind. Das kann noch dauern.“
Die Stadt hat sich am Tag des Brandes um die Bewohner gekümmert, sofern sie zum Haus der Kultur zur „Meldestelle“ kamen. Eine vierköpfige Familie sowie zwei Einzelpersonen wurden durch die Stadt am selben Tag untergebracht, wie die Pressesprecherin Stephanie Till mitteilt.
In der Folgezeit wurden Hilfestellungen bei der Unterbringung und Wohnungssuche gegeben, so Till. Nicht jedes Angebot passte auch, wie manche Betroffene erzählen. „Auf Wunsch konnten drei Familien und einer Einzelperson Wohnungen vermittelt werden. Betreuung und Unterstützung erfolgt – wenn gewünscht – nach wie vor“, so Till.
Spenden werden nach
wie vor dringend gebraucht:
Spendenkonto BRK Mühldorf.
DE11 7115 1020 0000 0037 64,
Verwendungszweck:
„Brand Adlergebirgsstraße 3,
Waldkraiburg“