Waldkraiburg – Der Wessi hat sich gut eingelebt im Osten. Hahn ist mit einer gebürtigen Karl-Marx-Städterin, so hieß Chemnitz zu DDR-Zeiten, verheiratet. Die Stadt ist ihm in wenigen Jahren zur „neuen Heimat“ geworden, wie er sagt. Wie erlebt er die aktuellen Ereignisse? Wie schätzt er die Vorgänge ein? Und wie die Berichterstattung?
Herr Hahn, Sie sind seit vier Jahren Wahl-Chemnitzer. Was schätzen Sie an Chemnitz und Sachsen?
Zuerst meine private Lebens- und Wohnsituation: meine Familie, fast im Grünen zu leben mit herrlicher Aussicht, aber zentrumsnah. Die Menschen, mit denen wir privat und geschäftlich zu tun haben. Chemnitz hat eine lange Geschichte als Industrie- und Kulturstandort; das schließt viele Erfindungen und technische Innovationen ebenso ein wie Architektur und Kunst. Heute, fast 30 Jahre nach der Wende, ist Chemnitz wieder auf einem sehr guten Stand was Industrie, Infrastruktur, Kunst, Kultur und Lebensqualität betrifft. Die TU Chemnitz als international ausgerichtete Einrichtung ist ein wichtiges Aushängeschild und Initiator vieler Forschungsvorhaben. Ich schätze das Stadtbild mit viel attraktiver historischer Architektur, reizvolle Landschaften in der Umgebung und die Nähe zu den beiden größeren sächsischen Metropolen Dresden und Leipzig.
Welche Erfahrungen machen Sie als Wessi im Osten?
Es besteht ein krasser Gegensatz zwischen dem, was „Wessis“, die noch nie hier waren, annehmen und/oder als Vorurteil nach wie vor pflegen. O-Ton eines Bayern: „Kann man da überhaupt leben?“ Ich bin hier heimisch geworden, habe eine liebenswerte Familie, viele Freunde, als Berater, als der ich immer noch tätig bin, geschätzte Kunden, überwiegend Inhaber oder Geschäftsführer von Klein- und Mittelständischen Unternehmen. Ich sehe mich als Mensch uneingeschränkt anerkannt und integriert. Das hängt aber auch von einem selber ab! Verwandte und Freunde aus den Alt-Bundesländern, den „gebrauchten Bundesländern“, wie man sie hier gelegentlich schmunzelnd nennt, sind erstaunt, wie wenig das Klischee oder das Vorurteil zur Wirklichkeit passt. Sie kommen uns gerne und gar nicht so selten besuchen.
Im Moment schaut die ganze Republik schockiert in Ihre Stadt, verbindet damit Bilder von gewalttätigen Ausschreitungen, rechtsradikalen Aufmärschen, Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Trauen Sie sich derzeit noch auf die Straße?
Meine Frau und ich sind täglich unterwegs. Warum sollten wir uns verstecken? Unser Alltag ist einfach „normal“. Meine Frau hat allerdings in Zeiten von Demonstrationen Schwierigkeiten, vom Büro nach Hause zu kommen: Es liegt unweit des Zentrums, nahe dem Karl-Marx-Kopf, unserem städtischen Wahrzeichen.
Wie werden Sie mit den aktuellen Ereignissen konfrontiert?
Wir reden darüber miteinander und mit unseren nächsten Verwandten und Freunden, wir verfolgen sie in den Medien. In den letzten Tagen erhielten wir viele Anrufe von besorgten Menschen, mehrheitlich aus den Alt-Bundesländern, die die Lage natürlich nicht so nüchtern einschätzen können wie wir vor Ort. Draußen auf den Straßen merkt man wenig.
Viele Außenstehende fragen sich, wie es so weit kommen konnte. Und warum gerade in Chemnitz? Haben Sie Erklärungen dafür?
Das überlasse ich denen, die dafür legitimiert sind – Politikern, Historikern, Psychologen, Forschern…
Waren Sie überrascht, oder gab es früher schon Anzeichen für ein Erstarken der rechtsradikalen Szene in Chemnitz?
Wir waren schon sehr überrascht. Sie können die Frage aber auch Bürgern anderer Städte stellen, in denen es „passende“ Anlässe gab – aktuell zum Beispiel in Kandel. (Auch diese Stadt in der Pfalz leidet seit dem tödlichen Messerangriff eines jungen Afghanen auf seine Ex-Freundin unter Aufmärschen von Rechts; Anm. d Red.)
Was sagen Sie zur überregionalen Berichterstattung in den Medien?
Sie hatte uns am Wochenende des Mordes sehr betroffen gemacht. Wenn in einem Nachrichtenbeitrag auf ARD oder ZDF in drei Minuten gefühlt 30-mal „Chemnitz“ mehrheitlich in Verbindung mit den Rechtsradikalen und –populismus genannt wird, dann fühlt man sich zu Unrecht quasi in Sippenverantwortung genommen. Inzwischen wird zu unserer Erleichterung, um nicht zu sagen „Entlastung“, mehr der überregionale Aspekt der Strömungen hervorgehoben. Man hat erkannt, dass es sich um ein nationales Thema handelt.
Wie sollte die Stadt, die Gesellschaft und die Politik damit umgehen?
Es steht mir nicht an, anderen Ratschläge zu erteilen. Aber: Augen verschließen ist keine angemessene Haltung.
Es gibt eine ganze Reihe von Überlegungen, Initiativen und konkreten Aktivitäten. Über das Konzert am Montag mit den „Toten Hosen“ und den anderen Bands und den vielen tausend Besuchern haben wir uns sehr gefreut. Das war nach der großen Betroffenheit in der Stadt ein Mutmacher, eine Initialzündung. Aber allen muss klar sein: Dabei kann es nicht bleiben.
Die Fragen stellte Redakteur Hans Grundner