40 Jahre Frühförderstelle

So viel mehr als ein Bällebad

von Redaktion

Seppi ist vier und spricht undeutlich. Beim Stuhlkreis bleibt er nicht sitzen, konzentrieren kann er sich nur schwer, Malen und Basteln mag er nicht. Das fällt im Kindergarten auf. Die Erzieher sprechen die Eltern an und empfehlen, die Frühförderstelle zu kontaktieren. Damit der Kleine den Anschluss nicht verliert.

Waldkraiburg – „Mit meinem Kind stimmt etwas nicht“, schießt der Mutter durch den Kopf. Sie macht sich Sorgen, ihr Mann ist skeptisch, sagt, der Bub sei doch nicht behindert.

„Im ersten Gespräch können wir den Eltern ihre Ängste nehmen.“Gertrud Grill

„Dass Eltern Ängste haben, wenn sie zu uns kommen, ist normal, weil sie um die Entwicklung ihres Kindes fürchten“, sagt Gertrud Grill, Leiterin der Frühförderstelle. Jedoch könne sie den Müttern und Vätern die Ängste bereits meist im ersten Beratungsgespräch nehmen. Danach nehmen fast alle die Eingangsdiagnostik in Anspruch. 90 Prozent der Kinder, die ab Babyalter bis zum Schuleintritt hier betreut werden, sind entwicklungsverzögert. Behindert sind nur wenige.

Ganz wichtig: In der Frühförderstelle, deren Träger das Franziskushaus Au am Inn ist, wird die Entwicklung des Kindes unterstützt – und die Kompetenz der Eltern gestärkt. Der Ansatz ist ein ganzheitlicher – und das geht nur gemeinsam mit den Eltern, wie Grill betont. Daher finden regelmäßige Gespräche mit den Erziehungsberechtigten statt; die Elternarbeit ist ein wichtiger Bestandteil. Die Heilpädagogin besucht Kinder wie Seppi auch daheim oder im Kindergarten.

„Seppi“ ist ein typischer Fall. Die Entwicklungsverzögerung könne viele Ursachen haben. Gerade bei den Migranten seien die kleinen Buben und Mädchen sprachlich hinterher. Immer mehr Kinder haben heutzutage Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme, manche Eltern seien mit der Erziehung überfordert und tun sich schwer, Grenzen zu setzen, so die Leiterin Gertrud Grill.

In der Frühförderstelle biete man für Kinder, die zu früh geboren sind, im kognitiven, motorischen, sprachlichen und sozio-emotionalen Bereich entwicklungsauffällig sind oder Verhaltensprobleme haben, eine ganzheitliche Betreuung an. Auch Kinder mit Behinderung werden hier gefördert.

„Wir stehen unter Schweigepflicht“, erklärt Grill, die seit 1999 die Frühförderstelle leitet. Wenn sie mit einem Schützling arbeitet, geht sie ins Bällebad, wo die Körperwahrnehmung geschult wird, die bunten Kugeln nach Farben sortiert oder durch ein Rohr geschubst werden können.

„Hier verstecken sich die Kinder auch mal gern“, sagt sie. Im Haus gibt es auch einen großen Bewegungsraum zum Rumtollen oder einen reizarmen Raum für kleine Klienten, die sich nicht konzentrieren können, sie genau das aber lernen sollen. In den 40 Jahren wurden geschätzt 2850 kleinen Buben und Mädchen betreut. Dabei fing die Frühförderstelle einmal klein an. Schwester Brigitta Parzinger von den Franziskanerinnen in Au startete 1977 mit acht Kindern. Zum Jubiläum findet am Samstag, 22. September, von 10 bis 14 Uhr im Bischof-Neumann-Haus ein „Tag der offenen Tür“ statt. Bei Kaffee und Kuchen kann man sich die Räumlichkeiten anschauen.

Der Weg zur Frühförderstelle

Ist ein Kind entwicklungsverzögert, sprechen die Erzieher die Eltern an und empfehlen gemeinsam mit dem Kinderarzt die Frühförderstelle. Beim „offenen Beratungsangebot“ werden die Erwartungen der Eltern abgeklärt, Stärken und Risiken abgewogen. Die Heilpädagogin empfiehlt eine Eingangsdiagnostik.

Dann folgt ein Termin beim Kinderarzt, der das Kind untersucht und einen „Förder- und Behandlungsplan für die Komplexleistung“ an der Frühförderstelle ausstellt. Hier wird im Beisein der Eltern spielerisch die Eingangsdiagnostik (Motorik, Wahrnehmung, Konzentration, Sprache, Verhalten) gemacht. Mit Einverständnis der Eltern nimmt die Heilpädagogin Kontakt zum Kindergarten auf und informiert sich, wie sich der Schützling dort macht. In einem Elterngespräch werden die Ergebnisse besprochen. In der Frühförderstelle bekommt die Familie einen individuellen Plan und alle Leistungen aus einer Hand: pädagogische, psychologische, logopädische, ergo- und physiotherapeutische Förderung. Alle Beteiligten stimmen sich miteinander ab, beziehen Kinderarzt, Kindergarten und Eltern mit ein. Die Kosten tragen Bezirk und Krankenkasse.

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