Gymnasium Gars

Just in time – Das Schweigen der Wecker

von Redaktion

Ein Abend im Zeichen der Uhr? Da durfte man gespannt sein, was die künftigen Abiturienten aus dem Thema machen würden, die traditionsgemäß am Beginn ihres letzten Schuljahrs am Gymnasium Gars ein Theaterstück auf die Beine stellen. Und in dieser Erwartung wurden die Zuschauer nicht enttäuscht.

Gars – Ein schon etwas gebeugt gehender älterer Herr betritt die Bühne, mit seinem Zylinder wirkt er ein wenig wie ein verschrobener Zauberer, der mit Vorbereitungen für einen seiner Tricks beschäftigt ist, doch es handelt sich um Justin Time, der seine Klienten zur Zeittherapie erwartet. Lea Dreßel spielt ihn ausdrucksvoll und betont seine etwas hilflos wirkende Beflissenheit.

Überhaupt zeichnet sich das Stück durch die großartige Darstellung der älteren Figuren aus. Elias Barnreiter und Thomas Ametsbichler spielen zwei alte Männer, die sich mühsam über die Bühne schleppen; da wird kaum überzeichnet, das Spiel ist würde- und verständnisvoll und gerade dadurch ein amüsanter Kontrast zu den gehetzten Menschen in ihrer Umgebung.

Einer der Höhepunkte des Abends ist Nina Piro als Elfriede; sie hat sich vollkommen in die Figur der 80-Jährigen mit dem Rollator verwandelt, man kann sich nicht vorstellen, dass sie im wirklichen Leben noch anders gehen kann als äußerst gemessenen Schrittes. Doch Elfriedes Umwelt hat ein Problem mit ihrem Tempo – vor allem, wenn man hinter ihr an der Supermarkt-Kasse warten muss.

Einer der Gehetzten ist der Geschäftsmann Michael (Phil Gebauer), dem zwischen Geschäftstelefonaten und den Akten auf dem Schreibtisch die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Die tägliche Fahrt in der U-Bahn wird zusätzlich zum Alptraum.

Stefan Oberbauer ahmt einzig mit seiner Stimme und einem Mikrofon die entsprechenden Geräusche so überzeugend nach, dass es keiner weiteren Requisiten bedarf. Die Auftritte der Mitfahrer sind Kabinettstücke: Clara Eckhardt spielt eine Schwangere, die so überzeugt von der Bedeutung ihres Zustands ist, dass sie alle Welt laut darauf aufmerksam macht: „Vorsicht, Schwangere!“ Und Georg Ortner gibt den Betrunkenen auf dem Heimweg vom Volksfest so überzeugend, dass man fürchtet, er werde sich wirklich gleich übergeben. Nachdem Geschäftsmann Michael endlich daheim ankommt, ist es schon mitten in der Nacht, seine Ehefrau (Marina Schwarzenböck) funkelt und faucht ihn an, seine Kinder sind bereits so zugedröhnt, dass sie in gar nicht mehr erkennen. Der Alptraum ist perfekt, als die Ehefrau ankündigt, dass sie ausziehen und ihm die Kinder überlassen werde.

Die übrigen drei Klienten sind sicher ganz nah an der Lebenswelt der Schüler: Die Perfektionistin Justizia (Mona Schwarzenböck), die stets auf die Sekunde pünktlich und schließlich dem Wahnsinn nahe ist, weil sie von ihren Studienkollegen (Hannah Oschowitzer und Alexander Haunolder) dafür bestenfalls Spott erntet. Oder der Schüler Jakob (Florian Buschmann), der lieber am Computer spielt, statt seinen kleinen Bruder (Thomas Holzmann) zu versorgen, seine Seminararbeit zu schreiben oder die Aufträge seiner Mutter (Verena Schefthaler) auszuführen. Die guten Vorsätze werden für alle gut sichtbar auf die Bühne gebracht von einem Engel (Elena Erhardt), doch der böse Einflüsterer (Lukas Raupach) bringt mit hämischem Grinsen die Stimme der Vernunft immer wieder zum Schweigen, bis am Ende die ganze Wohnung einer Müllhalde gleicht.

Solche Probleme kennt der letzte Klient nicht: Fabian Bederna spielt den Benjamin als einen Jugendlichen, der so gebannt auf sein Smartphone starrt, dass er von seiner Umwelt kaum noch etwas mitbekommt.

Genau dieser Benjamin wird von Justin Time überraschend zum Vorbild erklärt: Die richtige App könne die Probleme jeder dieser Figuren lösen, jeder Klient bekommt eine genau auf ihn zugeschnittene.

Und so schlurfen am Ende alle nur noch im Licht ihrer eigenen Smartphone-Bildschirme über die Bühne, ohne Blick für die Umwelt oder die Mitmenschen oder auch für die Uhr: Die Zeit ist kein Problem mehr, wenn man sie ausschließlich der virtuellen Welt widmet.

Unter der Regie von Inga Hauser haben die Abiturienten eine treffsichere Satire auf unsere Probleme im Umgang mit der Zeit und mit unseren Smartphones auf die Bühne gezaubert. Das Publikum war begeistert.

Artikel 1 von 11