1) Sophokles: Ödipus (griechische Mythologie; nicht mehr genutzt seit 16 Jahren)
2) Christa Wolf: Störfall (Tschernobyl; nicht mehr genutzt seit 14 Jahren)
3) Wolfram von Eschenbach: Parzival (mittelhochdeutsche höfische Epik rund um den Gral und König Artus; nicht mehr genutzt seit 15 Jahren)
4) Harry Sinclair Lewis: Babbit (Lewis erhielt 1930 als erster Amerikaner den Literatur-Nobelpreis; nicht mehr genutzt seit 13 Jahren)
5) Vom Sterben eines reichen Mannes (Sammlung mittelalterlicher Dramen ums „Jedermann-Motiv“, nicht mehr genutzt seit 13 Jahren)
Keiner mag den Ödipus
Waldkraiburg – Das „Orakel von Delphi“ ist ein beliebter Name für griechische Restaurants. Wer sich mit der griechischen Mythologie auskennt und Sophokles gelesen hat, weiß, dass diese Weissagungsstätte dem König von Theben unkte, dass sein Sohn Ödipus ihn töten wird und dann seine eigene Mutter heiratet.
Der nach Freud benannte Komplex – Sohn fühlt sich zur Mutter hingezogen – ist geläufig. Weniger aber die Sprache und der Inhalt des Werkes über König Ödipus aus der Feder des Tragödiendichters Sophokles, der seine dramatische Bearbeitung des Ödipus-Mythos etwa 429 bis 425 vor Christus niederschrieb.
Zuletzt wurde das Buch, das im Klassiker-Regal im ersten Obergeschoss in der Stadtbücherei sein Dasein fristet, vor 16 Jahren ausgeliehen, wie Bücherei-Leiterin Bianca Mertin auf Nachfrage der Zeitung mitteilt (weitere „verschmähte Titel in der Top-5-Liste).
Warum die Gretchenfrage nichts mit den Grimms zu tun hat
Mertin nennt das altmodische, verblasste und vergilbte Cover als einen Grund, warum die Besucher nicht zu diesem Buch greifen. Und den Geruch des alten Papiers. „Die Klassiker werden nach und nach ausgetauscht, die Einbände sollen ja was gleichschauen“, so Mertin. Als sie die „Schmäh-Liste“ erstellte sei sie überrascht gewesen, dass die Klassiker insgesamt nicht so wenig ausgeliehen werden.
Sonja Wirnsberger ist die neue Bibliotheksassistentin. Als ausgebildete Lese- und Literaturpädagogin hat sie für Klassiker ein Faible. Sophokles‘ Sprache sei schwierig zu lesen. „Heute spricht man nicht mehr so. Schüler, die das im Unterricht lesen müssen, tun sich oft schwer mit dem Wortschatz und müssen die Bedeutung vieler Begriffe nachschlagen“, erklärt die Wahl-Ampfingerin, die zuletzt in Burghausen arbeitete. Zum Glück gebe es heute vereinfachte und überarbeitete Ausgaben, die seien leichter konsumierbar.
Persönlich jedoch finde sie gerade „die alte Sprache“ der Klassiker spannend. „Vieles aus unserem Sprachgebrauch stammt aus ,Faust‘ oder etwa ,Wilhelm Tell‘ und ist Teil unserer Kultur“, so Wirnsberger. Sie nennt geflügelte Worte wie „des Pudels Kern“ oder den Ausspruch „hier steh ich nun ich armer Thor und bin so klug als wie zuvor“.
In Sprache steckt Leben, Lebensgefühl, Wahrheit, Politik und vor allem Alltag – zur Zeit des Autors betrachtet.
Hörbuch oder Theater erleichtert Zugang
zu alten Werken
„Wenn ich wissen will, wie es war, in der Kaiser- oder etwa der NS-Zeit zu leben, wie der Alltag der Menschen war, findet sich das in der Literatur dieser Zeit wieder“, sagt die Literaturpädagogin. „Das sind die Leute morgens nicht aufgewacht und sagten ,oh Gott, ich lebe in einer Diktatur‘, sondern das war normal.“ Wer wissen will, wie eine Geisteshaltung oder Ideen und Gedanken in die Welt kamen – findet das in diesen Klassikern. Da wurden Werte transportiert – die sich natürlich im Laufe der Zeit gewandelt haben. Bianca Mertin ergänzt, der Leser brauche ein gewisses Grundreservoir an geschichtlichem Wissen, um die Zustände einordnen zu können.
So sei es erst seit rund 100 Jahren möglich, dass Menschen so frei miteinander sprechen können. Frauen dürfen erst seit den 70ern wählen, vorher brauchten sie für alles Mögliche die Erlaubnis des Mannes, wirft Wirnsberger ein und erinnert an „Nora oder ein Puppenheim“ von Henrik Ibsen über den goldenen Käfig einer jungen Frau im Bann der zeitgenössischen Konventionen.
Wer Klassiker also links liegen lässt, verpasst etwas? So ist es, sagt Sonja Wirnsberger. Allein wenn in Gesprächen stehende Begriffe etwa aus „Faust“ zitiert werden, müsse man doch mitreden können. Schließlich habe die Gretchenfrage nichts mit „Hänsel und Gretel“ zu tun. Bei „Faust“ gehe es um den ewig Suchenden, der wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält. Es gehe um den Drang, unermessliches Wissen zu erwerben – daran habe sich bis heute nichts verändert.
Wer sich das nicht antun will, sich durch einen dicken Wälzer zu quälen, ist gut mit einem Hörbuch beraten, denn das sei laut Mertin leichter verdaubar – oder man gönnt sich einen Theaterbesuch. Auch hier sei es aber für den Genuss von Vorteil, das Drama schon zu kennen. „Man bekommt viel mehr Details mit“, findet die Chefin.
Viele Klassiker haben nichts an Aktualität eingebüßt
Sonja Wirnsberger hat gute Erfahrungen gemacht, Kinder schwer verdauliche Stoffe nachspielen zu lassen, etwa Szenen aus der Nibelungensage. Wenn im „Streit der Königinnen“ Brunhild und Kriemhild aufeinandertreffen, inszenieren Grundschülerinnen beispielsweise einen modernen Zickenkrieg, lacht Wirnsberger. In ihren Augen haben Klassiker nichts von ihrer Aktualität verloren. Sie denkt etwa an die Ringparabel in Lessings „Nathan, der Weise“, in der es um die einzig wahre Weltreligion geht – die es nicht gibt. Gerade in die Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder gar gefährlich sei, passe diese Parabel, um sich bewusst zu machen, dass man anderen Religionen mit „herzlicher Verträglichkeit“ begegnen soll. Im Namen des Christentums seien früher auch schreckliche Dinge passiert, erinnert sie.
Auch die Frage nach der Ethik in der Wissenschaft finde sich etwa „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ (Heinar Kipphardt) wieder. Oppenheimer ist ein Forscher, der moralische Skrupel an der Verwendung der Massenvernichtungswaffe anmeldet und sich fragt, was damit angerichtet werden kann. Im Gericht steht ihm die Meinung seines Nachfolgers entgegen, der sagt, Entdeckungen seien nicht gut oder böse, sondern nur „tatsächlich“. Das Buch aus den 50er-Jahren kritisiert die Zweckfreiheit von Forschung. Nutzt oder schadet Forschung dem Menschen? Eine Frage, die an Aktualität nichts eingebüßt hat, findet Wirnsberger.