von Redaktion

Am Ende gönnte er sich einen tiefen Schluck aus dem Bierkrug. Doch zuvor hatte Pfarrer Rainer Maria Schießler – Enfant terrible der katholischen Kirche – überaus unterhaltsam sein neues Buch „Jessas, Maria und Josef“ in der ausverkauften Aschauer Gemeindehalle vorgestellt.

Ausverkauft war die Gemeindehalle bei dieser Premierenlesung aus dem neuen Buch „Jessas, Maria und Josef“. Pfarrer Schießler musste zahlreiche Bücher persönlich signieren.

Aus Liebe zur Kirche: Reformen jetzt!

Aschau – In einem zweistündigen kurzweiligen Vortrag erzählte Schießler Geschichten aus seinem Alltag als katholischer Priester, las Ausschnitte aus seinem Buch und schaffte es spielend, seine Zuhörer zu begeistern, zum Lachen zu bringen, aber auch anzurühren.

Dabei wurde auch ein bisschen seine Zerrissenheit deutlich: Auf der einen Seite präsentierte er sich als schlitzohriger Pfarrer, der seine Sicht, wie man den Menschen den katholischen Glauben näherbringen muss, vehement vertritt und sich mittlerweile auch der päpstlichen Unterstützung sicher sein kann. Auf der anderen Seite zeigte er aber auch die Ohnmacht, wenn er durch erzkonservative, frauenfeindliche und reformunwillige Kräfte in der Kirche ausgebremst wird.

Rainer Maria Schießler ist Pfarrer mit Leib und Seele. Allerdings sieht er die katholische Kirche durchaus kritisch. So hat er eigene Ansichten in Fragen des Zölibates, der Diskriminierung von Frauen oder Homosexuellen, dem Umgang mit wieder verheirateten Geschiedenen oder der Kirchentrennung; und tut die auch lautstark kund. Er fordert schnelle Reformen und eine Runderneuerung der katholischen Kirche, denn sie stehe mit dem Rücken zur Wand. Dabei fühlt er sich bestärkt durch Papst Franziskus. „Prüft euer Herz und entscheidet dann“, hat dieser gesagt und aus Schießlers Sicht damit durchaus Raum für Interpretationen des Kirchenrechts gelassen.

Für Pater Bernhard Stiegler, der sowohl für die Gemeinde Aschau als auch den Pfarrverband Waldkraiburg zuständig ist, war Schießlers Auftritt eine Ermutigung, „Fünf auch einmal gerade sein zu lassen.“ Er sieht, dass für Pfarrer Schießler „die Sorge um den Menschen im Mittelpunkt steht“.

Schießler – seit 1993 Pfarrer in St. Maximilian in München, im Jahr 2011 übernahm er auch die Münchner Heilig-Geist-Gemeinde am Viktualienmarkt – versteht es mit medienwirksamen Aktionen, so arbeitete er beispielsweise viele Jahre auf dem Oktoberfest als Bedienung, um sein Anliegen zu transportieren, mit zugespitzten Appellen aufzurütteln und für eine lebhafte, engagierte Kirche einzutreten. Eine weitere Möglichkeit ist, ein Buch zu schreiben. Der Priester hat jetzt bereits sein zweites veröffentlicht.

Premiere:Erste Lesung mit dem neuen Buch

In der Aschauer Gemeindehalle war die Premierenlesung von „Jessas, Maria und Josef“. Einem Spruch, der bei freudigen und leidvollen Ereignissen gleichermaßen passt und der Schießler, nach eigenen Worten, durch sein Leben begleitet hat. So erzählte er, dass ihm der Spruch auch auf der Fahrt von München nach Aschau entfahren ist, als er merkte, dass er seine Lesebrille vergessen hat. Schießler erntete immer wieder Lacher, so auch als er gestand, dass er „einen Deal mit dem lieben Gott gemacht hat: Er lässt mich das Abitur schaffen, dann werde ich Priester“. Er erzählte aber auch traurige, anrührende Geschichten. So zum Beispiel von der Beerdigung eines kleinen Mädchens am Vortag, wo er von den Mitschülern mit der Frage konfrontiert wurde, wie das denn sein konnte, wo er die Klasse doch erst vor Kurzem gesegnet hatte. An seine Grenzen sei er gestoßen, als er ein Mädchen, das mit einem seltenen Gendefekt geboren wurde und das er bis zu seinem vierten Lebensjahr begleitete, gleichzeitig taufen und mit den Sterbesakramenten versehen musste.

Neben den vielfältigen Geschichten transportierte er aber auch seine Hauptanliegen, die dringend notwendigen Reformen in der Kirche. So könne es nicht weitergehen: Wer einen Bruch in seinem Lebenslauf hat, ist draußen, wessen Ehe in die Brüche geht, ist draußen, wer einen anderen Lebensentwurf hat, ist draußen. „Wer aus der Kirche ausgetreten ist, der hat seine Gründe gehabt“, so Schießler, der zudem sagte, es erschüttere ihn, wenn man evangelischen Christen sagt, dass sie das Falsche glauben.

Er prangerte auch an, dass nur die Kirchen-Oberen für sich in Anspruch nehmen, die Deutungshoheit des katholischen Glaubens zu haben. „Der Mensch hat es in der Hand, er kann aus dieser Erde den Himmel machen.“ Das könne nicht Gott machen, da müssen die Menschen sich kümmern. Das bedeutet aber auch, dass die Kirchenverantwortlichen Kritik annehmen müssen und die Chance auf einen Neuanfang nützen sollten.

Derzeit sei es aber so, dass die Kathedralen von den Fitnessstudios abgelöst worden sind. „Die Kirche steht für düster, geheimnisvoll, verschleiernd, Fitnessstudios dagegen für Transparenz und Offenheit“, spitzte Schießler zu. Hier sei Zuschauen und Dabeisein sogar erwünscht. Dabei sollte sich die Kirche an dem Paulus-Wort orientieren: „Wer klopft, dem wird aufgetan“. Stattdessen lasse sie sich Erkenntnisse wie „Gemeinschaft ist, wo man miteinander isst“ (McDonald’s) oder „Näher am Menschen“ (CSU) aus der Hand nehmen.

Er ermunterte die Zuhörer, sofort zu handeln. „Alles steht derzeit auf dem Prüfstand, ganz egal, ob das alte Kirchenmänner so sehen.“ Dabei betonte er, dass er kein Nestbeschmutzer sei, sondern seine Kirche liebe. Der lang anhaltende Applaus bestätigte, dass er den richtigen Ton bei den Besuchern getroffen hatte.

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