Sabbatjahr

Wie komme ich zu meiner Auszeit?

von Redaktion

Zwei Lehrer, ein gemeinsames Sabbatjahr: Ute und Andreas Miecke haben sich die vergangenen vier Jahre nur 80 Prozent ihres Gehalts auszahlen lassen, damit sie nun ein ganzes Jahr frei haben. Zeit zu leben, zu reisen, aufzutanken, aus der Routine, dem engen Korsett des Berufsalltags auszubrechen.

Waldkraiburg/Kraiburg – „Es war genau richtig, jetzt in der Mitte unseres Lebens einen Break zu machen, wo wir noch aktiv und gesund sind und nicht auf die Rente zu warten, wo man vielleicht gebrechlich oder bald tot ist“, sagt Ute Miecke und formuliert diesen Satz als Rat an andere.

Vier Jahre für

4/5 des Gehalts

arbeiten

Die 52-Jährige unterrichtet in Ampfing an der Grundschule, ihr Mann Andreas (56) ist Lehrer an der Realschule in Waldkraiburg, wo er inzwischen auch zur erweiterten Schulleitung gehört.

„Zum Glück war das Sabbatjahr schon genehmigt, als ich in die Schulleitung berufen wurde, da konnten sie es mir nimmer nehmen“, sagt Andreas Miecke augenzwinkernd. Und bei den Grundschullehrern herrscht einstweilen auch ein großer Mangel. Vor vier Jahren hat er gemeinsam mit seiner Frau beim Ministerium den Antrag auf ein Sabbatjahr gestellt –und beiden wurde es für denselben Zeitraum genehmigt. „Schulfrei“ haben sie nun seit August und müssen erst wieder im August 2019 parat stehen.

Damit das auch finanziell klappt haben die Kraiburger über vier Jahre Zeit angespart, sich nur 4/5 des Gehalts auszahlen lassen, damit auch das Sabbatical abgedeckt ist, denn auch jetzt bekommen sie 80 Prozent aufs Bank-Konto.

„Die Ansparphase war toll, wir waren voller Vorfreude, hatten richtig Zeit zu planen“, so Andreas Miecke, der auch bekannt ist als Leiter des Ensembles „Vocabile“. Jetzt, wo ihre Kinder groß sind, mit dem Studium durch, die Mieckes seit über einem viertel Jahrhundert ununterbrochen im Schuldienst waren, lockt die Ferne.

Eine beeindruckende Island-Tour hat das Paar nun schon erleben dürfen. Am 4. November geht es für fünf Wochen quer durch Vietnam und Kambodscha – mit dem Rucksack. Und dann warten noch zwei Monate Australien und Neuseeland.

„Einmal in jede Himmelsrichtung losstarten ist ein Traum“, sagt Ute. Befragt wurden Vielreiser im Bekanntenkreis, politische Situationen besprochen (die USA schied deswegen aus), um auf die passenden Ziele zu kommen. Optimal beraten wurden sie von Sofia Topalov, eine Reiseexpertin, die nur ein paar Häuser weiter wohnt.

Einfach mal nicht alles auf die Reihe kriegen müssen

Auch daheim ist es schön. Und das dorthin Zurückkehren nach den Reisen sei wunderbar. Die erwachsenen Kinder und die Oma wollen die zwei Freigeister auch ab und an zu Gesicht bekommen.

Mit dem Kraiburger Kirchenchor geht es im Mai zu einer Rom-Reise und Ute will in dem Sabbatjahr auch einmal alleine wegfahren. „Ja, stimmt. Das haben wir so ausgemacht“, lacht ihr Mann. Sie machen klar, dass sie weder jetzt noch sonst dauernd aneinander pappen. Jeder lässt dem anderen Raum. Auch ein Geheimnis für eine gute Beziehung. Um sich beim Reisen gut zu verstehen, ist es auch vorteilhaft, wenn man auch im Alltag gut miteinander kann. Ein Grund, warum sie die Auszeit gemeinsam nahmen.

Einfach mal Zeit haben, sitzen bleiben am Frühstückstisch und genießen, spontan in die Berge fahren. Ein Jahr ohne Hektik, Stress, Druck. „Einfach mal nicht alles auf die Reihe kriegen müssen und sich nicht verbiegen“, sagt die 52-Jährige und verweist auf den Anspruch an den Lehrerberuf, den Spagat zwischen dem Eintrichtern von Schulstoff, dem Ausgleich von Erziehungsdefiziten bei den Schützlingen, der Herausforderung, Kindern Medienkompetenz beizubringen und und und. Daher: Raus aus diesem Korsett. Den Faktor Zeit, gesellschaftlichen Druck, Leistungserwartung und Effizienzanforderungen – alles einfach mal links liegen lassen.

„Viele Bekannte sagen ,ich bin dir neidisch‘, aber ich hoffe doch positiv neidisch“, so die Grundschullehrerin.

Das Vorurteil vieler, „Lehrer haben eh so viel Zeit“, spricht ihr Mann an. „Wir kriegen in dieser Phase, die fünf Jahre umfasst, weniger Geld“, sagt Ute Miecke, die findet, „jeder Arbeitende sollte so etwas gegönnt kriegen“. Die Familie groß ziehen, im Beruf glänzen, gleichzeitig Haus bauen und abbezahlen – „immer nur hackeln bis zum Umfallen, das kann es nicht sein“, sagt die zierliche und quirlige Kraiburgerin.

Dass inzwischen viele Firmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit für ein Auszeitmodell anbietet, begrüßt ihr Mann. „Danach sind die Leute hoffentlich frischer und kommen mit aufgeladener Batterie zurück“, so Miecke.

Weil beide ihren Job lieben, sei es schön, zu wissen, dass sie nächstes Jahr wieder ran dürfen. „Wir steigen ein, wo wir aufgehört haben“, ergänzt er. Im Schulbetrieb sei das wohl etwas einfacher als in der freien Wirtschaft.

Die Sturmwarnung in‘ Wind schießen

Das Freijahr ermöglicht den Mieckes, Abenteuer zu erleben, die Welt zu sehen. „Wir sind nicht gezwungen, nach einem Urlaub topeffektiv erholt zu sein, weil man danach gleich wieder knackig einsteigen muss“, sagt Ute Miecke. Daher kann man aufs schlechte Wetter pfeifen, Sturmwarnungen missachten – und einfach mal was erleben. So wie auf Island.

Wenn die beiden über die „überwältigenden Eindrücke dieser einzigartigen Landschaft, der Natur, der Gegensätze“, berichten, geraten sie ins Schwärmen. Ihre Augen leuchten. Am liebsten will man sofort wie sie stundenlang mit dem Jeep bergauf auf einer Schotterstraße durch Schlaglöcher fahren, um den riesigen Gletscher Vatnajökull zu sehen. Um sprachlos dazustehen und zu staunen. Wie bei der Walbeobachtung. „Da hüpfte sie herum wie ein Osterhase – vor Freude“, sagt ihr Mann schmunzelnd. Die eisige Kälte steht in krassem Kontrast zu den heißen Quellen, in denen man baden kann. Die geothermischen Quellen werden zur Stromgewinnung genutzt, zum Heizen sowieso. Etwa für Gewächshäuser – und Bürgersteige in Reykjavík, damit sie eisfrei bleiben, wie die Mieckes nun wissen. Reisen bildet eben. Vor allem wenn man nicht als Bustourist unterwegs ist, sondern wie die zwei auf individuelle Erkundungstour geht.

Beheizte Bürgersteige und atemberaubende Gletscher

Das Sabbatical oder das Sabbatjahr ist ein Arbeitszeitmodell für einen längeren Sonderurlaub. Die Dauer von Auszeiten kann durch spezielle Arbeitsverträge vereinbart werden, wird aber meist durch Arbeitszeitguthaben auf einem eigenen Zeitkonto verwaltet. Für Beamte gibt es eigene Modelle, auch viele Firmen bieten dies inzwischen an. Durch Lohnverzicht, den Aufbau von Plusstunden oder Überstunden sparen die Arbeitnehmer für ihr Freijahr, das auch kürzer ausfallen kann – je nach Vereinbarung.

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