von Redaktion

Interview Dr. Andreas Zahn, Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern

Im Herbst: Fledermaus im Liebesglück

Waldkraiburg –Er ist der Fledermausexperte in Südbayern: Dr. Andreas Zahn. Der Waldkraiburger Biologe veranstaltet jedes Jahr Fledermauszählungen und weiß daher, dass im Stadtteil Süd eine der größeren Flattertier-Kolonien in Bayern lebt. Anders als viele andere Säugetiere und Vögel entdecken die Tiere ihre Frühlingsgefühle erst im Herbst.

Ist Waldkraiburg nach wie vor eine Fledermaus-Hochburg? Wenn ja, woran liegt das?

An den Hochhäusern und Wohnblöcken im Süden Waldkraiburgs gibt es ein bayernweit bedeutendes Vorkommen des Abendseglers (eine der größten Fledermausarten Bayerns). Die Tiere verbringen hier den Winter und gehen im Frühjahr und Herbst entlang des Inns auf Insektenjagd. Die Lage geeigneter Quartiere in der Nähe eines nahrungsreichen Lebensraumes ist wohl entscheidend für das Auftreten der Abendsegler. Bis über 400 Tiere wurden in den vergangenen Jahren festgestellt. Seit rund drei Jahren werden weniger Tiere gezählt, was dem bayernweiten Trend entspricht, wie der Experte Dr. Andreas Zahn, der deutschlandweit einen Namen hat, erklärt.

Woran hängt diese Abwanderung?

Es ist noch nicht ganz klar, ob die Tiere früher abgewandert sind (den Sommer verbringen die Weibchen und ein Teil der Männchen im nordöstlichen Mitteleuropa), die Zählungen Ende April also zu spät stattfanden, oder ob die Art wirklich abgenommen hat. 2019 soll die Zählung früher erfolgen. Wichtig ist zu wissen, dass die Tiere die neuen Ersatzquartiere gut angenommen haben, die im Zuge der Wärmedämmung der Wohngebäude für die Fledermäuse geschaffen worden sind. Die Erkenntnisse zur Akzeptanz dieser neuen Quartiere sind bayernweit von Bedeutung.

Die meisten Säugetiere und Vögel zeugen und gebären ihren Nachwuchs im Frühling – Fledermäuse entdecken erst im Herbst ihre „Frühlingsgefühle“. Wie finden die Männchen und Weibchen zusammen?

Die Männchen locken die Weibchen durch Balzrufe an. Die Weibchen erinnern sich auch an die ihnen bekannten Balzquartiere und suchen sie über Jahre hinweg auf. Die Balzrufe liegen weitgehend im Ultraschallbereich, bei manchen Arten, wie beim Abendsegler, liegen sie auch ganz oder teilweise im für uns hörbaren Bereich. Es klingt wie ein Zirpen.

Das Weibchen kann nach der Paarung die Spermien in seinem Geschlechtstrakt bis zum Frühling verwahren – ist das richtig?

Ja

Was ist neben der „Familienplanung“ im Herbst wichtig? Fressen für den Winterspeck?

Im Herbst fressen sich die Fledermäuse „Winterspeck“ an. Ein milder Herbst ist dafür günstig, da dann noch viele Insekten fliegen. Abendsegler weisen eine Besonderheit auf: Sie fliegen im Herbst regelmäßig bei Sonnenschein tagsüber aus, wohl weil es da deutlich mehr Insekten gibt als nachts. Risiko: Sie werden dann auch von Greifvögeln erbeutet.

Wo überwintert der Abendsegler?

Der Abendsegler überwintert an Gebäuden (in Waldkraiburg in den Fledermauskästen) oder auch in Baumhöhlen als Winterquartier. Sie können auch im Winter bei warmer Witterung immer wieder mal ausfliegen. Die Rauhautfledermaus wird regelmäßig in Brennholzstapeln gefunden. Viele andere Arten halten jedoch ihren Winterschlaf in Höhlen im Alpenraum, Kellern und Stollen, die kühl aber frostfrei sind.

Wie überstehen die Tiere den Winter? Angeblich kuscheln sie sich aneinander in den Schlafplätzen und fahren den Organismus runter – was passiert da genau?

Körpertemperatur und Stoffwechsel sind dann sehr reduziert, die Tiere zehren von den Fettreserven. Bei vielen Arten überwintern die meisten Tiere einzeln. Eine Gruppenbildung ist aber beispielsweise beim Abendsegler vorteilhaft, der in Quartieren mit stark schwankenden Temperaturen (eben an den Gebäuden) überwintert. Wenn man dann eine Gruppe mit einer „gemeinsamen Oberfläche“ bildet, kann man Schwankungen ausgleichen und Energie sparen.

Ist die Kälte ein Problem für die Tiere?

Starke Temperaturschwankungen an Gebäuden stellen eine physiologische Herausforderung für Winterschläfer dar und bei strengem Frost gibt es durchaus erhebliche Verluste – was bei Fledermäusen, mit nur ein bis zwei Jungen pro Jahr, erst langfristig wieder ausgeglichen wird.

Wann erwachen die Flattertiere im Frühling?

Abendsegler fliegen bei warmer Witterung schon im März regelmäßig aus, Arten, die in Höhlen überwintern, oft erst im April.

Gibt es hier eine Geschlechtertrennung?

Die Weibchen bilden im Sommer Wochenstuben, in denen bei den meisten Arten allenfalls einzelne Männchen leben. Männchen leben beim Abendsegler in Gruppen, bei anderen Arten oft solitär. In den Winterquartieren mischen sich beide Geschlechter.

Im Sommerquartier werden die Weibchen dann von dem eingelagerten Sperma schwanger? Warum so kompliziert und wieso hält das so lange?

Es hat einen Vorteil. Die Embryonalentwicklung beginnt und verläuft zu einer Zeit mit idealem Nahrungsangebot. Wie die Spermien so lange überleben – hier ist noch manches unklar. Ich müsste suchen, ob es neue Veröffentlichungen gibt.

Wie lange tragen die Fledermäuse und wie ziehen sie die Kinder groß? Angeblich mit anderen Müttern in Wochenstubengesellschaften – trifft das zu?

Ja. Und die Tragzeit hängt von der Witterung ab, da die Weibchen in kalten Perioden im Frühjahr in Lethargie gehen, um Energie zu sparen. In dieser Zeit wächst der Embryo nicht. Ist es sehr warm, können die Jungen Ende Mai zur Welt kommen, ansonsten kann es sogar Ende Juni werden. Nach rund vier bis sechs Wochen sind die Jungen dann flugfähig.

Welchen Vorteil haben diese Wochenstubengesellschaften? Werden die Männer also nach der Zeugung nicht mehr gebraucht, sprich, die Weibchen sind alleinerziehend?

Der Vorteil der Wochenstuben ist wieder die Thermoregulation: Die Weibchen bilden eine dichte Gruppe und sparen so bei kühler Witterung Energie. Der Nachwuchs wird gesäugt, bis er fliegen kann - dann muss er selber auf Insektenfang gehen. Die Mütter füttern die Jungen nicht mit Insekten. Männer werden also wirklich nicht gebraucht.

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