„Nein!“, er spielt nicht gegen einen Computer Schach. „Das wird so häufig falsch verstanden!“ Erdogan Günes aus Waldkraiburg ist mehrfacher Computerschachweltmeister. Im Juli holte er sich zum erneuten Mal in einer Messehalle in Stockholm den WM-Titel.
Glück lässt sich steuern
Waldkraiburg – Er nimmt es mit Humor: „Na klar, was sollen die Zuschauer auch denken, wenn man so dasitzt vor dem Laptop.“
Er gehört zu einem Trio, das „Komodo“ entwickelt hat, benannt nach der Echse Komodowaran. Mittlerweile gibt es die Version Komodo 12, die er gemeinsam mit Mark Leffler und Larry Kaufmann seit Jahren immer weiter optimiert hat. Auf der WM im Juli trat eine Experimentalversion von Komodo gegen andere Schachprogramme an, wobei das Betriebsgeheimnis des Waldkraiburgers sein ganz persönliches „Eröffnungs-Turnierbuch“ ist. Das hat er mit der Experimentalversion geschrieben und ist in Kombination mit Komodo 12 von seinen Herausforderern nicht zu toppen gewesen.
Wie bei einem traditionellen Schachspiel sitzen sich bei der Computerschach-WM zwei Kontrahenten gegenüber, ein Brett in der Mitte. Die Top-Konkurrenz, die Shredder (Programmname), Jonny oder Chiron heißen, sind Operatoren, die den von jeweils ihrer Maschine errechneten Zug ausführen. Erdogan Günes ist dabei nicht einfach der verlängerte Arm der Maschine. Er vergleicht die Rolle des Operators gerne mit einem Formel-1-Rennfahrer: Der Rennfahrer ist nur so gut, wie das Team im Hintergrund, das zum Beispiel genau die Zusammensetzung von Gummiarten kennen muss, um die beste Mixtur für die Reifen wählen zu können. So kommen auch beim Computerschach Tausende Details zusammen: „Das Glück lässt sich sehr wohl steuern“, so Günes.
Beim Computerschach geht es unter anderem um Sekunden oder auch um die Anzahl der Prozessoren. Die Schwachstellen der anderen Programme recherchiert Erdogan Günes in monatelanger akribischer Vorarbeit.
Hinter jeder Programmierung stehen Maschinen und die Art und Weise, wie Schach gespielt wird, sagt viel über eine Maschine aus: „Es gibt sehr aggressive und stärker strategisch ausgerichtete Spielweisen.“ Ein Komodowaran setzt auf den Überraschungseffekt.
Anders als bei analogen Schachturnieren, bei denen andächtig geflüstert wird, herrscht beim Computerschach reges Geplapper. Kein Wunder, denn wenn die Programme gegeneinander antreten, haben die Teams ihre Hausaufgaben bereits erledigt.
Erdogan Günes schaut dann quasi nur noch der erfolgreichen Performance zu, beobachtet die Telemetriedaten, notiert sich Ideen zur Verbesserung. Gespielt werden auf der WM drei Varianten: Blitz, die Software-WM, die auf gleich starken Computern gespielt wird, und die offene Klasse, in der es kein Limit bei den Maschinen gibt. 2018 hat er das Triple geholt.
Angefangen hat er als zwölfjähriger mit einem normalen Schachspiel. Er war zu Besuch bei einem Freund, der eine Spielesammlung im Kinderzimmer hatte, darunter auch Schach - ein einfaches Pappbrett und Plastikfiguren: „Wir haben die Regeln gelesen, aber nicht wirklich verstanden. Also haben wir selbst welche aufgestellt. Vogelwild war das. Aber Spaß hat es gemacht.“
Commodore 64C hatte von Schach
so viel Ahnung wie
eine Grünpflanze
Die Mutter seines Freundes las eine Zeitungsanzeige des Schachclubs und meldete die Jungs an. Sein Freund blieb ein paar Wochen, Erdogan Günes packte der Ehrgeiz. „In der Schule war es für mich nicht einfach Anerkennung, zu bekommen, unter anderem weil meine Eltern daheim kein Deutsch sprachen, sondern Türkisch. Also habe ich Anerkennung im Schach gesucht und gefunden!“
Im Schachclub sah er zunächst kein Land. Da sein Bruder irgendwann keine Lust mehr hatte, als Übungspartner dauernd zu verlieren, kaufte ihm sein Vater einen Commodore 64C: „Ich hatte gehört, dass PCs auch Schach spielen können!“
Sündhaft teuer war das Gerät damals: „Aber genau genommen hatte das Modell so viel Ahnung vom Schach wie eine Grünpflanze!“ sagt er mit einem breiten Lachen. Also griff er doch zum Buch, um sich im Schachclub nach vorne spielen zu können. Irgendwann war er viermal in Folge Vereinsmeister.
„Heute würde ich jedem 13-Jährigen davon abraten: Man steckt so viel Energie und Zeit in Computerschach.“ Und das sagt ein Weltmeister. Dass andere mit einer simplen Spiele-App zum Millionär werden, belächelt er nur: „Unser Kernteam besteht aus drei Personen, aber es hängen sehr viele Testspieler, Programmierer und Spezialisten mit im Boot.“ Vor über 15 Jahren etwa kamen von einer Version, die 65 Euro kostete, fünf Euro beim Team an. Aber darum geht es ihm ohnehin nicht. Es ist der sportliche Ehrgeiz. Früher war er Jäger, heute steht er mit seinem Team auf dem Thron und ist der Gejagte. Günstig ist das Hobby nicht: Allein für die WM geht eine Woche Urlaub drauf. Erdogan Günes hat zum Glück Sponsoren, die ihn mit Flug, Hotel, Shirts und leistungsfähigen Großrechnern unterstützen. Hinzu kommt der Zeitaufwand. Auch sein Arbeitgeber, Huber&Sohn in Eiselfing, wo Erdogan Günes an komplizierten Verpackungen für Apparaturen tüftelt, ist stolz auf den erfolgreichen Mitarbeiter. Sportlich reizen ihn auch Dart und Kicker. Am liebsten aber verbringt er Zeit mit seiner Familie: vier Töchter und Ehefrau. Die Älteste ist 21 Jahre alt und bereits ausgezogen, die Jüngste ist drei Jahre alt und hält alle anderen auf Trapp.
Beim TV-Programm etwa habe er nicht viel zu melden: „Da kann ich mich auch genauso gut mit meinem Eröffnungsbuch befassen.“ Schachbegeistert sind seine Töchter nicht: „Dafür sind sie in der Schule gut und das ist mir wichtig.“
Ob sich sein Erfolg auf der kommenden WM wiederholen lässt? „Die künstliche Intelligenz macht so schnelle Fortschritte, dass es für normale Engines immer schwieriger wird. Eine Herausforderung.“