Abbilden, was ist

von Redaktion

Waldkraiburger Wochenschau

„Ihr schreibt oft so viel Negatives in die Zeitung“, lautet eine nicht selten gehörte Kritik an unserer Arbeit. Wie würde wohl der Vorwurf lauten, wenn wir das Negative nicht schreiben würden (was keine Option ist)? Lügenpresse oder Wahrheitsverzerrer. Ist ja modern heutzutage, ob es zutrifft, oder nicht. Sagen ja schließlich auch Präsidenten von Weltmächten, für die die Wahrheit verhandelbar ist. Ein ziemlich bescheuerter Zeitgeist, der auch vor der halbwegs gebildeten Schicht in Deutschland nicht Halt macht. Journalismus hat unter anderem die Aufgabe, das abzubilden, was ist und nicht das, was man sich als Idealzustand wünschen würde.

Was ist denn eigentlich objektiver Journalismus? Möglichst alle Meinungen abzubilden? Nicht zwangsläufig. Wichtiger sind Fakten und Hintergrundinfos. Nur Meinungen und Behauptungen aneinanderzureihen, bedeutet nichts anderes, als ihnen mehr Gewicht zu geben als ihnen zusteht. Sie bekommen gleichviel Raum wie Fakten. Das führt zu einer verzerrten Darstellung, gerade wenn es beispielsweise um realitätsferne oder menschenfeindliche Positionen geht. „False balanced journalism“ nennt man dieses Medienphänomen. Es ist wenig verwunderlich, dass Behauptungen mehr emotionalisieren als Fakten. Mitunter ein Grund, warum sich Gerüchte hartnäckiger halten und die Entkräftung häufig auf weniger Interesse stößt.

Falschmeldungen verbreiten sich sehr viel schneller als echte Nachrichten. Oft enthalten sie überraschende, wenn auch unwahre Informationen, die man so noch nicht gehört hat, daher erregen sie Aufmerksamkeit. Menschen gewichten negative Informationen stärker. Das steckt in unseren Genen, ist evolutionär bedingt. Schließlich war es wichtiger, die Sippe vorm Säbelzahntiger zu warnen, als die Info weiterzugeben, wo man ein romantisches Platzerl zum Chillen findet.

Abbilden, was ist – das bedeutet für eine Tageszeitung oft innerhalb eines Tages zwei Seiten einer Medaille zu beschreiben. Beispiel: Der Syrer, der die Supermarktchefin perfide einschüchtert. Und die zwei afghanischen Flüchtlinge, die bei Netzsch in die Lehre gehen und mit hervorragenden Leistungen und großem Pflichtbewusstsein von sich reden machen. Beide Fälle sind Teil der Realität. Über beides berichten wir.

Dazu brauchen wir keine Meinungen quer durchs politische Gemüsebeet. Wichtiger sind eine Versachlichung und Hintergrundinfos, etwa warum der Bursche nach seinen sprachlos machenden Drohungen „nicht einfach weggesperrt werden kann“. Dass das die Beteiligten hilflos und wütend macht, ist nachvollziehbar. Jedoch ist der Rechtsstaat nichts, was man nach Belieben beugen kann, auch wenn das für manche noch so schwer zu verstehen ist. Polizei und Behörden werden dem Asylbewerber anders beikommen müssen. Was der Typ veranstaltet, ist absolut indiskutabel. Das muss man nicht extra betonen. Kritik funktioniert aber auch ohne rassistische Entgleisungen und ohne „Danke Merkel“. Denn verantwortlich für seine Taten ist nur der Mann selbst.Andrea Klemm

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