Mehr Zeit für sterbende Menschen

von Redaktion

Das Projekt „Zeitintensive Betreuung“ hilft Pflegekräften in Seniorenheimen bei derBetreuung sterbender Menschen.

Waldkraiburg –Der wesentliche Faktor ist „Zeit“. Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, funktionieren nicht mehr wie ein gut geschmiertes Räderwerk. Alle Tätigkeiten gehen ihnen nicht mehr so schnell von der Hand. Wenn sie in einem Pflegeheim leben, reicht die Zeit oft nicht mehr aus, die den Pflegekräften zur Verfügung steht, um sich umfassend um sie zu kümmern.

Dabei bräuchte das Pflegepersonal gerade jetzt mehr Zeit für die Grundpflege und die Nahrungsaufnahme, Zeit für Gespräche mit den Patienten und den Angehörigen, Zeit für Sitzwachen und um persönliche Wünsche zu erfüllen. Das gibt aber der Stellenschlüssel in Seniorenheimen nicht her. Zumal die Personalsituation meistens nicht gerade rosig ist.

Mehr Zeit für

intensive Betreuung

Der Anna Hospizverein hat das schon früh erkannt und bereits 2015 das einjährige Projekt „Zeitintensive Betreuung (ZIB)“ konzipiert. Grundlage war, dass Palliativfachkräfte, die in ihren Seniorenheimen teilzeitbeschäftigt sind, zusätzlich vom Hospizverein auf 450-Euro-Basis angestellt werden.

Damit haben die Palliativfachkräfte zehn Stunden pro Monat mehr Zeit. Zeit, in der sie sich intensiv der Betreuung von sterbenden Senioren widmen können.

Das Projekt hat gezeigt, dass diese Arbeit in Pflegeheimen sehr gefragt ist, sagt Josef Hell, Geschäftsführer beim Anna Hospizverein. Damals war Yvonne Zur als ZIB-Kraft im Adalbert Stifter Seniorenwohnen aktiv. „Ich konnte mir wirklich Zeit nehmen, Zeit für Gespräche, aber auch Zeit für die Angehörigen“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. „Für mich war es ungeheuer befriedigend, ungestört und ohne Zeitdruck den Bedürfnissen der mir anvertrauten alten Menschen nachzukommen“, sagt sie.

Sie nutzte aber auch ihr Wissen und ihre Erfahrung, um beides an ihre Kolleginnen weiterzugeben. Was auch dankbar angenommen wurde, da diese durch Yvonne Zurs Engagement nun auch mehr Zeit für ihre tägliche Arbeit hatten. Die „Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin“ hat das Projekt „Zeitintensive Betreuung“ 2016 ausgezeichnet, doch weiter ist vordergründig nichts passiert.

Allerdings hat die Idee Hubert Forster, Heimleiter im Adalbert Stifter Seniorenwohnen, so beeindruckt, dass er das Projekt in abgespeckter Form als „Zeitintensive Begleitung“ weitergeführt hat, verrät Yvonne Zur, deren Begeisterung und Engagement sicher viel dazu beigetragen hat.

Finanzspritze dank Stiftung

Im Hintergrund war auch der Anna Hospizverein weiter aktiv. Die Erfahrungen des Modellprojektes haben die Paula Kubitschek-Vogel Stiftung schließlich überzeugt, dass sich bereits nach einer einjährigen Modellphase durch die „Zeitintensive Betreuung“ die Hospizkultur und Palliativkompetenz in stationären Einrichtungen nachhaltig verbessern lässt, freut sich Geschäftsführer Josef Hell.

Daher wurde jetzt eine zweite Pilotphase gestartet, bei der weitere Erfahrungen gesammelt werden sollen. Das unterstützt die Paula Kubitschek-Vogel Stiftung mit einem Betrag von 200000 Euro. So wird im Landkreis derzeit die „Zeitintensive Betreuung“ wieder im Adalbert Stifter Seniorenwohnen mit Yvonne Zur angeboten.

Dazugekommen ist aber auch das AWO Seniorenzentrum in Waldkraiburg. Hier haben Cornelia Gulden und Ursula Wallmann ebenfalls den Palliativ-Care-Kurs absolviert. „Wir sind gerade im ganzen Haus in der Findungsphase“, meinen beide übereinstimmend. Sie sind überzeugt, dass man mit der „Zeitintensiven Betreuung“ einen passenden Rahmen bekommen habe, dass alte Menschen die beste Begleitung bekommen, die ihnen zustehe und sie in ihrer gewohnten Umgebung sterben können.

Das sieht auch Yvonne Zur so: „Wir können den Senioren bis zum letzten Atemzug Lebensqualität bieten.“ Zudem bleibe auch Zeit, um auf spezielle Wünsche einzugehen. Sie erinnert sich, dass eine alte Dame, die schon Schwieirgkeiten mit dem Essen hatte, sich sehnlichst noch einmal eine Hochzeitssuppe gewünscht hat. „Wir haben sie ihr mundgerecht in einer Schnabeltasse serviert und sie hat zweieinhalb Tassen gegessen.“ Ein Mann wollte unbedingt noch einmal das Wettkampfbecken im Waldbad sehen. „Wir haben ihn in den Rollstuhl gepackt und er hat zehn Minuten einfach nur dem Treiben zugeschaut.“

Wertschätzung für Pflegekräfte

Wenn es nach dem Anna Hospizverein geht, soll noch ein drittes Seniorenheim im Landkreis dazukommen. Das Projekt soll nach und nach in ganz Bayern Fuß fassen. Bis zum Jahreswechsel starten neben dem Anna Hospizverein auch Hospizvereine in Kaufbeuren, Hof, Nürnberg sowie in den Landkreisen Rottal-Inn und Straubing-Bogen.

„Das ist praktisch eine Wertschätzungs-Offensive für Pflegekräfte“, meint Erika Koch, die im Anna Hospizverein Ansprechpartner für die ZIB-Kräfte ist. Sie kümmert sich auch um das Coaching, aber auch um die Supervision für die ZIB-Kräfte, die sich bereits untereinander vernetzen und in den nächsten Wochen gegenseitig hospitieren.

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