Kraiburg – Um das Jahr 1900 – Techniker und Tüftler, tollkühne Männer auf der ganzen Welt waren fasziniert von der Idee, die Schwerkraft zu überwinden. Sie ließen sich todesmutig mit hölzernen Fluggeräten auf dem Rücken Abhänge hinunter plumpsen. Stürzten sich mit flattrigen Stoffflügeln Türme hinab. Arbeiteten entfesselt an Konstruktionen, um abheben zu können. Den Menschheitstraum vom Fliegen träumte damals auch ein Kraiburger.
Kein Zweifel, den Flugpionier aus Kraiburg hat es gegeben. Ein Foto aus dem Archiv des Marktes ist der Beweis. Es zeigt einen jungen Mann im Ausgehanzug, mit Mütze und zwei Begleitern vor einer ausladenden Konstruktion mit Rädern und Segeln. Die Aufschrift: „Flugapparat A. Baumgartner, Kraiburg“.
Das Motiv wurde als Ansichtskarte verkauft. Das ist verbürgt. Sicher ist außerdem, dass es sich bei dem Konstrukteur um Anton Baumgartner handelt. So Archivpfleger Franz Genzinger. Baumgartner wurde im Januar 1882 in Kraiburg geboren. Sein Vater Johann Georg (1844 bis 1902) war 1866 dort ansässig geworden und betrieb ein Geschäft als Goldschmied und Gürtler am Marktplatz. Der Sohn arbeitete als Bezirks-Obermonteur bei den Amperwerken, der 1908 gegründeten Elektrizitäts-AG, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Isarwerke AG fusionierte.
Baumgartner hatte technisches Wissen
Ob Baumgartner als Schlosser oder Elektromonteur tätig war, kann Genzinger nicht sagen. Deutlich wird damit aber, dass der junge Mann, der seine Leidenschaft fürs Fliegen sicher schon früher entwickelte, technisches Knowhow einbrachte.
Das Foto ist nicht datiert, stammt aber sehr wahrscheinlich aus der Zeit der Jahrhundertwende. Der Apparat von Anton Baumgartner ist nicht motorisiert, eine Fahrradkonstruktion mit gewölbten Segeln, gewissermaßen Modell Lilienthal. Der Luftfahrtpionier aus Berlin, der nach vielen erfolgreich Versuchen mit Gleitflugapparaten 1896 bei einem Absturz ums Leben kam, hatte die wesentlichen theoretischen Vorarbeiten zu Auftrieb und Tragflächen geliefert. Sie waren auch Grundlage für die Gebrüder Wright, die im Dezember 1903 zu ihrem ersten motorisierten Flug aufstiegen.
Von einem Flug ist im Archiv nichts bekannt
Ob der junge Kraiburger die Veröffentlichungen Otto Lilienthals kannte, muss offenbleiben. Ob er je mit seinem Apparat abhob, ja wie weit er „flog“, auch das ist nicht bekannt. Sollte er je in die Luft gegangen sein, dann unter dem Radar der Luftfahrthistoriker.
Flugversuche über Kraiburg, ob vom Friedhofs- oder vom Schlossberg aus, müssten sich eigentlich wie ein Lauffeuer in der Gegend herumgesprochen haben. Doch Archivpfleger Genzinger kennt keine Aufzeichnungen über eine solche lokale Sensation.
So viel ist sicher: Das Los vieler anderer, die für den großen Traum ihr Leben verloren, teilte der Kraiburger nicht. Er ist 1948 im damals vergleichsweise hohen Alter von 66 Jahren gestorben. Und: Dieser Zweig der Familie ist mit ihm ausgestorben. Er hinterließ keine Nachkommen, die die Geschichte vom Kraiburger Flugpionier erzählen könnten.